TV Duell Trump BidenRespektlosigkeit, Verrohung, Spaltung der Gesellschaft durch Populismus

Von der Respektlosigkeit der Sprache ist es nur ein kleiner Schritt bis zur Verrohung der Sprache. Und da die vorherrschende Sprache immer auch den Zustand einer Gesellschaft beschreibt – zur Verrohung einer Gesellschaft. Wenn wir Verrohung hinnehmen, erdulden, machen wir uns mitschuldig. Am Verlust unserer demokratischen Werte und an der Gewalt in unserer Gesellschaft.

Gewalt muss ja nicht unbedingt körperlich sein. Gewalt findet häufiger auf einer verbalen Ebene statt. Respektlosigkeit zielt sehr oft auf seelische Verletzungen ab. Zum Beispiel, wenn sie in Form von Mobbing auftritt. Der Weg von verbalen Respektlosigkeiten und seelischen Verletzungen zur körperlichen Gewaltausübung ist jedoch kurz. Es ist immer eine Gratwanderung. Wer mit Worten zündelt, nimmt auch einen Flächenbrand in Kauf.

[Bild: Patrick Semansky, TV-Duell Trump vs. Biden: "Will you shut up, man?"]

Wenn man die Berichterstattung in den Medien verfolgt, gewinnt man zunehmend den Eindruck, dass die Verrohung der Gesellschaft insgesamt stetig und beängstigend zunimmt. Ein erschütterndes Beispiel verbaler Entgleisungen hat das erste TV-Duell der US-Präsidenten-Kandidaten Donald Trump und Joe Biden Ende September 2020 geliefert. Es wird als neue Dimension von Respektlosigkeit auf den höchsten politischen Ebenen in die Geschichte eingehen.

Verrohung durch Populismus – Thema Zuwanderung

Folgt man den Debatten im Internet, drängte sich der Verdacht auf, dass die Zuwanderung irgendwie für die Verrohung mitverantwortlich ist. Politiker schürten kräftig mit: Als der ehemalige deutsche Innenminister Thomas de Maizière Anfang 2016 die aktuelle die Kriminalitätsstatistik vorstellte, bezeichnete er die Verrohung der Gesellschaft im gleichen Atemzug mit der Zuwanderung plakativ als „besorgniserregend“. Er stellte damit einen Zusammenhang her, der so nicht existiert.

Die zunehmende Verrohung ist nicht auf die Zuwanderung zurückzuführen. Wir importieren die Verrohung nicht mit den Zuwanderern. Auch De Maizière räumte im April 2016 ein, dass der von ihm festgestellte Trend zur Verrohung bereits vor der Flüchtlingskrise eingesetzt hat. Indizien dafür seien die Verrohung der Sprache und eine allgemein um sich greifende Respektlosigkeit.