justitiaAnspruch und Wirklichkeit der Selbstgerechten

Hand aufs Herz: Wie oft im Leben sind wir über alle Zweifel erhaben? Auch wenn uns selbst ein gutes Bauchgefühl leitet - können wir je wirklich wissen, was für andere gut und richtig ist? Dürfen wir darüber befinden und über die Köpfe anderer hinweg entscheiden? Sie bevormunden, ihnen sagen, wo es lang geht?

Die kleinen Diktatoren in den Internet-Foren

Dennoch haben einige - so scheint es zumindest - die Weisheit mit Löffeln gefressen. Sie nehmen sich das Recht heraus, ihre Standpunkte über die der anderen zu stellen. Ein Phänomen, auf das man sehr häufig im Internet trifft. Was steckt dahinter?

Wenn sich das subjektive Empfinden für Gerechtigkeit verselbständigt hat das meist mit übertriebener Selbstbezogenheit zu tun. Der Selbstgerechte macht sein eigenes Gefühl zum Maßstab aller Dinge. Er hat nicht die Fähigkeit, die Dinge aus der Sicht anderer zu betrachten. Er kann seinen eigenen Standpunkt nicht relativieren, sondern setzt ihn absolut. Er erhebt sich über andere und sonnt sich im trügerischen Gefühl, mehr Autorität zu besitzen als diese. Er glaubt, den anderen intellektuell und vor allem moralisch überlegen zu sein.

Recht und Selbstgerechtigkeit

Der Selbstgerechte will sich nicht hinterfragen lassen und entzieht sich jeder Kritik. Wird er angefeindet, so fordert er Respekt ein - den er selbst seiner Umwelt allerdings hartnäckig verweigert. Er ist rechtschaffen, er steht über dem Recht. Das der anderen tritt er dagegen gerne mit Füßen. Er allein weiß, was richtig oder falsch - ja, viel schlimmer noch: was gut und was böse ist. Nur er allein darf (ver)urteilen und richten.

Erleuchtet oder verblendet?

Der Selbstgerechte will Macht über andere gewinnen und verdeckt sein eigentliches Ansinnen oft nur dürftig mit dem Mäntelchen des Altruismus. Er zitiert gerne namhafte Autoritäten, beruft sich auf das "richtige" und "wahre" Empfinden oder - wie viele Esoteriker - auf angeblich uraltes Erfahrungswissen.

Doch letztendlich verstecken sich dahinter häufig nur unhaltbare Ideologien oder reine Glaubensfragen. Denn auch der Selbstgerechte kennt die "absolute Wahrheit" oder gar die Antworten auf die letzten Fragen ebenso wenig, wie ein Mensch sie eben kennen kann...

das böseSchlummert das Böse in jedem von uns?

Wir sind keine Mörder, keine Vergewaltiger und die allermeisten von uns neigen nicht einmal zur Gewalt. Und doch behaupten Philosophen seit Menschengedenken: der Keim des Bösen schlummert in jedem von uns! Viele Mörder waren einst vollkommen unauffällige Menschen - so wie wir. Vielleicht sogar gute Menschen. Jedenfalls so lange, bis sie eine furchtbare Tat begingen, die ihr Leben - und das vieler anderer - aus der Bahn geworfen hat.

Wie wird man zum Mörder?

Wenn wir Mord-Geschichten in den Nachrichten verfolgen, fragen wir uns jedes Mal wieder nach den Gründen für eine solche Tat. War es eine Handlung aus dem Affekt? Aufgestaute Wut, die sich irgendwann zum blinden Hass entwickelte? Oder war die Tat von langer Hand geplant? Aus Rache oder gar aus Habgier? In vielen Fällen tappen die Ermittler im Dunkeln und wir werden die eigentlichen Beweggründe nie erfahren.

Ist der Mörder „böse“? Die meisten Menschen stimmen zumindest darin überein, dass seine Tat durch nichts zu rechtfertigen ist.

Schlummert in jedem von uns ein Mörder?

Warum beschäftigen uns solche Geschichten so sehr? Möglicherweise deswegen, weil sie uns regelmäßig mit der Überlegung konfrontiert, ob wir selbst oder nahestehende Menschen im Extremfall auch zu einer solchen Tat fähig wären. Und weil wir vielleicht sogar schon manches Mal in unserer Wut den Gedanken hatten: „Ich könnte ihn (oder sie) umbringen!“ oder: "Wenn er (oder sie) nicht mehr da wäre, dann hätte ich endlich meine Ruhe…“

Sind wir also weniger böse, nur weil wir unsere Gedanken nicht in die Tat umsetzen? Und wo beginnt es eigentlich – das Böse in uns? Sehen wir nicht bei so vielen Dingen einfach zu und unternehmen nichts, obwohl wir wissen, dass andere ins Messer laufen? Und machen wir uns nicht dabei auch schon ein bisschen mitschuldig? Sind die, die nichts unternehmen, besser als die Täter?

Wo beginnt das Böse?

Ist ein Selbstmordattentäter böse? Er opfert sein eigenes Leben für seine Religion – das ist aus seiner Sicht eine gute Tat. Kein Opfer, kein Angehöriger und auch (fast) niemand sonst in der Welt wird dieser Ansicht folgen. Wie kann ein Mensch die Vernichtung anderer Menschen gut heißen?

Es ist so einfach, zu sagen: ich bin nicht böse, denn ich würde niemals zu solchen Mitteln greifen! Und doch sterben täglich Millionen von Menschen vor unseren Augen - an Hunger und in kriegerischen Auseinandersetzungen. Wir sehen untätig dabei zu und vernichten gleichzeitig unsere Lebensgrundlagen auf diesem Planeten jeden Tag ein bisschen mehr.

Narziss MKL1888Die narzisstische Gesellschaft - leben nur Egoisten gut?

Egoismus ist gesund – bis zu einem gewissen Grade. Ein gesundes Gemeinwesen braucht beides: Egoismus und Altruismus. Auch hier macht die Dosis das Gift. Aber mitunter drängt sich der Eindruck auf, dass wir nur noch von Egomanen umgeben sind.

Viele Menschen in unserer Gesellschaft haben offenbar nur noch eines im Auge: ihr eigenes Wohlergehen. Sie raffen und horten ohne Rücksicht auf andere. Sie gehen über Leichen und streben mit allen Mitteln nach Erfolg und Reichtum. Sie sind berühmt und mächtig und das macht sie zu Vorbildern für andere – zum Beispiel für junge, naive und wenig selbstbewusste Menschen.

Doch ist Erfolg auch gleichbedeutend mit Glück und Zufriedenheit? Und sollte man sich deswegen lieber nur noch um das eigene Wohl kümmern und nicht mehr um das der anderen?

Wer gibt, dem wird gegeben

Psychologische Studien zeigen: Beides ist wichtig. Weil wahres Glück und echte Zufriedenheit immer auch mit Selbstlosigkeit und Fürsorge für andere einhergehen.

Wer gut für sich selbst sorgt, dem geht es gut. Wer gut für andere sorgt, dem geht es noch viel besser. Selbstlosigkeit ist sogar lebensverlängernd, denn wer hilfsbereit ist und anderen viel gibt, leidet seltener an Depressionen und ist auch ansonsten gesünder als Egomanen.

Wir sind nun eimal soziale Wesen. Unser Gehirn ist darauf programmiert, hilfsbereit und großzügig zu sein. Im Laufe der Evolution gediehen Gemeinwesen, die gut füreinander sorgten. Gesellschaften, in denen dagegen allzu viele nur nach dem eigenen Vorteil trachteten und andere für ihre Zwecke missbrauchten, starben aus.

Egoismus ist angeboren

Empathie und Altruismus sind unsere Mitgift für ein gutes soziales Miteinander. Doch auch der Egoismus ist uns in die Wiege gelegt.

Selbstlosigkeit und das Bedürfnis, nach dem eigenen Vorteil zu trachten, konkurrieren ständig miteinander und es ist immer auch eine Frage der Umstände, welche Eigenschaft stärker zum Vorschein kommt. Das Umfeld, in dem wir leben, kann den Hang zum einen oder zum anderen fördern oder hemmen.

Ich oder Wir?

Wird also wirklich nur noch der Egoismus kultiviert? Ein Blick auf die Geschichte zeigt: Diese Klage wird schon seit Menschengedenken geführt. Aristoteles suchte bereits nach einem Ausgleich zwischen Egoismus und Altruismus und fand ihn – in der Gerechtigkeit.

Auch Schopenhauer ereiferte sich über den kolossalen Egoismus der Menschheit und bis heute unterstellen sich verschiedenste gesellschaftliche Gruppierungen regelmäßig gegenseitig grenzenlosen Egoismus.

Tatsächlich aber erleben wir beides: Egoismus und Altruismus. Mehr Menschen denn je zuvor sind ehrenamtlich tätig und engagieren sich für eine bessere Welt. Sie sorgen sich nicht nur um andere, zum Beispiel in Krisenregionen, sondern kümmern sich auch aktiv darum, dass die Armut auf der Welt eingedämmt wird und immer mehr Menschen ein wirklich menschenwürdiges Dasein führen können.

Wenn Du Dich für das Thema Narzissmus interessierst, solltest Du unbedingt auch den Narzissimus lesen.

Vincent Willem van Gogh Wann ist es Depression? Vom Umgang mit der Melancholie

Wenn sich der dunkle Schatten der Melancholie auf das Gemüt legt kann das mitunter sehr heilsam sein. Meist finden wir schnell wieder zur Ausgeglichenheit zurück, doch mitunter frisst sich die Traurigkeit tief in die Seele hinein und raubt den Betroffenen jede Freude am Leben.

Die Melancholie wurde von vielen Dichtern und Künstlern gepriesen. Sie ist wie ein dunkler Schatten, der sich auf das Gemüt legt und alles in düsterem Licht erscheinen lässt. Man hat nahe am Wasser gebaut, der Kloß sitzt im Hals, die Kehle ist wie zugeschnürt. Man möchte am liebsten nur alleine sein – sich vollkommen zurückziehen von der Welt. 

Melancholie ist heilsam

Diese Art von Traurigkeit kann sogar sehr heilsam sein. Melancholie besitzt eine ganz eigene Energie. Der Abschied von geliebten Menschen - zum Beispiel wenn Kinder aus dem Haus gehen - erfüllt uns mit Wehmut. Wir bleiben mit einer inneren Leere zurück.

Meistens gibt es gute Gründe für den Blues. Wir nehmen uns dann einfach ein wenig Auszeit und lauschen in uns hinein. Die Ruhe tut uns gut und verhilft uns zu neuer Kraft und Kreativität. Schon bald finden wir wieder zurück zu unserer Mitte und es gelingt uns, die Leere mit neuem Leben zu füllen.

Diagnose Depression

Manchmal jedoch bleibt das Gefühl der tiefen Traurigkeit und nimmt den Betroffenen hartnäckig gefangen. Für die Diagnose Depression ist die Dauer entscheidend und die Tiefe: Hält die düstere Stimmung mehr als sechs Wochen an, ist sie von Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit begleitet, die sogar an Selbstmord denken lässt, dann sollte man sich unbedingt Unterstützung suchen.

Die Depression liegt auf den Schultern wie eine Zentnerlast. Sie bedrückt und raubt die Lust am Leben. Die Betroffenen verkriechen sich im dunklen Kämmerlein und sind nicht einmal mehr in der Lage, Dinge anzugehen, die ihnen Linderung verschaffen könnten – Freunde treffen zum Beispiel oder Sport treiben.

Gefangen im Schneckenhaus

Sie verlieren sich ganz und gar in düsteren Grübeleien, drehen sich fortwährend in ihrem Sorgenkreisel und können nicht mehr klar denken. Die Depression ist wie ein großes schwarzes Loch, in dem das Ich verschwindet.

Hat die Depression einen Sinn?

Es liegt auf der Hand, dass der Betroffene Probleme hat, die nach einer Lösung drängen. Auslöser sind häufig Lebenskrisen, die mit einem Verlust und/oder dem eigenen (oft auch nur vermeintlichen) Versagen einhergehen.

Die Depression ist ein Versuch der Seele, die Krise zu überwinden. Im positiven Sinne zwingt sie den Erkrankten, nach einer Lösung zu suchen – einem Weg aus dem Labyrinth, in dem er gefangen ist. Doch manchmal geraten die Symptome außer Kontrolle. Dann greifen viele dankbar zu Medikamenten.

Medikamente lösen die Probleme nicht

Antidepressiva lösen die zu Grunde liegenden Probleme nicht. Sie können kurzfristig helfen, das schwere Leiden zu lindern - langfristig fördern sie nur die Verdrängung. Sie helfen dem Kranken lediglich dabei, vor seinen inneren Konflikten zu fliehen. Sie verhindern aber, dass er – im besten Falle zusammen mit einem Psychotherapeuten - nach echten Lösungen sucht.

PfauMein Partner ist so peinlich! Wie geht man mit ungeliebten Eigenschaften um?

Die peinlichen Marotten unserer Partner - früher konnten wir noch milde darüber lächeln. War er nicht gerade wegen seiner ganz besonderen Eigenarten so liebenswert? Haben wir uns nicht sogar deswegen in ihn verliebt? Wir waren blind für seine Schattenseiten, seine weniger angenehmen Eigenschaften. Später regen wir uns gerade darüber auf und stellen deswegen mitunter sogar die Partnerschaft in Frage.

Dunkle Wölkchen am rosaroten Himmel

Am Anfang – ja, da sehen wir den Partner durch die rosarote Brille. Wir finden alles an ihm einfach wunderbar. Mit der Zeit jedoch lässt die Verblendung nach. Wir entdecken im Alltag immer mehr störende Kleinigkeiten: Die nachlässig hingeworfene Wäsche, seine Eitelkeit. Wir stöhnen innerlich leise auf, wenn er vor versammelter Gesellschaft alberne Witze reißt oder altkluge Kommentare abgibt zu Dingen, von denen er nun wirklich rein gar versteht. Wenn er seine über alles geliebten karierten Hemden trägt und nach billigem Rasierwasser duftet wie ein Iltis auf der Balz.

Wer ist schon ohne Fehler…?

Der Mensch an unserer Seite ist ein wenig dicker geworden, sieht nicht wirklich gut aus und ist auch keine große Leuchte? Aber doch vielleicht ein herzensguter Mensch. Gutmütig und großzügig. Was können wir von einem Menschen erwarten? Perfektion sicher nicht. Wer ist schon ohne Makel, ohne Fehler? So sehr wir uns auch bemühen, uns selbst zum Positiven zu verändern – wir bleiben doch im Grunde immer die, die wir nun einmal sind.

Ist es Liebe?

Wir sind Gewohnheitstiere, die immer wieder in den alten Trott zurück fallen. Und dieses Recht sollten wir auch unserem Partner einräumen. Schließlich sind wir nicht für das verantwortlich, was er tut oder lässt. Wir müssen nicht dafür einstehen und uns erst recht nicht dafür schämen. Der Partner ist ein eigenständiges Wesen. Und zur Liebe gehört unabdingbar auch Respekt. Liebe bedeutet vor allem, dass wir ihn so annehmen können, wie er nun einmal ist – mit allen seinen kleinen Unvollkommenheiten.

Das Geheimnis der Liebe: Respekt!

Und wenn uns nun die Marotten am anderen so sehr stören, dass wir darunter leiden? Ja, dann sollten wir uns zunächst einmal die Frage stellen: Warum genau stört mich das eigentlich? Warum stehe ich nicht darüber? Ist es vielleicht der Balken im eigenen Auge, den ich nicht sehen will? Sind es die eigenen ungeliebten Anteile, die uns der andere spiegelt?

Der Weg zur Liebe führt vor allem über die Selbsterkenntnis. Je besser wir uns und unsere eigenen Marotten annehmen können, desto besser können wir auch die unseres Partners annehmen und ihn als Person respektieren. Selbstliebe ist das Geheimnis der Liebe, denn der Respekt für den anderen wächst mit der Selbstachtung.

TeiresiasBehinderung: Der Umgang mit dem Anderssein im Lauf der Geschichte

Behinderung wurde und wird als mehr oder weniger gravierende Abweichung von der Norm verstanden. Und der Umgang mit dem Anderssein scheint nicht mit der Entwicklungsstufe einer Zivilisation zu korrelieren sondern vielmehr mit deren ethischen Einstellungen und darauf begründeten Regelwerken. Auch die Lebensweise spielte dabei immer eine Rolle. Während nomadische Stämme heute noch Angehörige zurücklassen, die der Reise nicht gewachsen sind, existieren zur gleichen Zeit sesshafte Naturvölker, die Menschen mit Behinderungen liebevoll integrieren.

Nicht anders in frühester Geschichte: Schon bei den Neandertalern finden sich eindeutige Hinweise auf eine relativ gute Fürsorge für Menschen mit Krankheiten oder Behinderungen. Im antiken Griechenland dagegen war die Aussetzung von Kindern mit Behinderungen selbstverständlich. Doch auch dort gab es Ausnahmen: Der blinde Teiresias des Homer genoss – ungeachtet der Tatsache, dass er wahrscheinlich nie existierte - so hohes Ansehen, dass die Verspottung Blinder gesetzlich bestraft wurde. Denn Blinde, so glaubte man, könnten mit den Göttern in Verbindung zu treten und die Zukunft voraus sagen.

Das Motiv der besonderen Auszeichnung durch die Götter ist dabei quer durch alle Religionen und Kulturen ebenso häufig anzutreffen wie das Stigma der Strafe Gottes. Ein Tabu, das für den Gezeichneten Integration oder Ausgrenzung und häufig sogar den sicheren Tod bedeutete. Ein größeres Tabu, so scheint es mitunter, als der Tod selbst.

Es hat allerdings zu allen Zeiten Menschen gegeben, die sich nicht mit solchen ethischen Betrachtungen oder der Ehrfurcht vor dem Tabu aufhielten. Schon im alten Ägypten fand man Gefallen daran, Menschen aufgrund körperlicher Besonderheiten als Hofnarren vorzuführen. Die Erfindung regelrechter „Freakshows“ scheint jedoch  das zweifelhafte Verdienst der Römer zur Kaiserzeit gewesen zu sein: Als „Spielereien der Natur“ wurden sie wilden Tieren gleich bei Festen oder im Zirkus zur Schau gestellt. Es entwickelte sich regelrecht ein eigenes Marktsegment - das „forum morionum“, der „Markt der Narren“ - auf dem Menschen aus aller Welt teuer gehandelt wurden.

In der Renaissance und im Barock lebte – allem Humanismus zum Trotze – die Belustigung auf Kosten entwürdigter und entrechteter Menschen wieder auf: Könige hielten mit Vorliebe kleinwüchsige Menschen als Hofnarren und zum Amüsement der Hofgesellschaft. So soll Katharina von Medici neun Hofzwerge besessen haben. Man sagt ihr auch nach, sie habe eigens Zwergenhochzeiten organisiert, um deren Anzahl noch zu vermehren.

Weitere Beiträge zu diesem Thema:

Menschen mit Handicap - Vorgeführt als Jahrmarktsattraktion

Segregation statt Integration

Freak Show Menschen mit Handicap - Vorgeführt als Jahrmarktsattraktion

Noch im vorigen Jahrhundert stachelte der Zeitgeist der Romantik die Vorliebe für allerlei Merkwürdigkeiten, für Extotisches und Schauerliches derart an, dass die Zurschaustellung von Menschen mit seltenen Fehlbildungen großen Anklang fand. Das Publikum kam in Massen. Man bestaunte und begaffte Meerjungfrauen, Löwen- und Schlangenmenschen, Riesen, Zwerge, Spitz-,Turm- und Wasserköpfe, extrem fettleibige sowie vollkommen behaarte Menschen.

Jahrmarkt, Messe, Kirchweihfest - willkommene Unterbrechungen des Alltags, Gelegenheit zur Befriedigung der Neugier, der Sucht nach Aufregendem, Besonderem, Unerhörtem, noch nie Gesehenem, Sensationen, Zeitvertreib. Tiere und Menschen standen als  Monstrositäten und Schauobjekte auf gleicher Stufe nebeneinander. Ausdruck der „Gleichbehandlung“ durch eine Gesellschaft, die die Lebensform von Menschen mit Behinderung kaum über die der wilden Tiere stellte. Neugier und Geldgier waren weit ausgeprägter als das Empfinden dafür, dass man es mit menschlichen Wesen zu tun habe. Aufgrund unzureichender Kenntnis über Ursachen, Bedeutung und Folgen von gesundheitlichen Störungen wurde Menschen mit Behinderungen weithin ihre Personalität abgesprochen, was ihr Leid um schlimme Kränkungen vermehrte.

Noch Anfang des 20. Jahrhunderts wurden außergewöhnliche Menschen vorgeführt: Zu den bekanntesten Attraktionen zählten die „Siamesischen Zwillinge aus Böhmen“, Rosalie und Josepha. Sie tourten noch zu Beginn des 20. Jh. durch Europa, Asien und Afrika. 1909 gebar Rosalie einen Sohn und die Boulevard-Presse stürzte sich begeistert auf die Sensation. Der Vater, so spekulierten die Gazetten, soll der berühmte Journalist Egon Erwin Kisch gewesen sein. Und heute?

Das menschliche Bedürfnis nach Unterhaltung und Sensationen –  werfen wir einen Blick auf das tägliche Fernsehprogramm  – ist ungebrochen. Heerscharen von Menschen konkurrieren dort um das Schicksal mit dem größten Freak-Faktor. Sie stilisieren sich so ungeniert in ihrem echten oder vermeintlichen Lebensdrama, dass man auf die Idee kommen könnte, dass die Abweichung von der Norm das „Normale“ sei oder zumindest in jeder Normalbiografie irgendwann einmal vorkommt.

Weitere Beiträge zu diesem Thema:

Segregation statt Integration

Der Umgang mit dem Anderssein im Lauf der Geschichte

Menschen mit Down SyndromSegregation statt Integration?

Nur einer verschwindend kleinen „Behindertenelite“ gelingt es, die Gunst des Publikums zu erobern. Und das sind dann stets liebenswerte und freundlich lächelnde Menschen mit Down-Syndrom, die den Koffer mit Lotto-Millionen überbringen und dafür von den Lottogewinnern – ganz „normalen“ Menschen übrigens - enthusiastisch umarmt werden. Oder Menschen im Rollstuhl, die es zu fast übermenschlichen sportlichen Leistungen gebracht haben.

Solange eine Gesellschaft von der Notwendigkeit der Integration spricht und sie nicht lebt, gilt in der Realität das Prinzip der Segregation. Ein Mensch mit Down-Syndrom aber ohne Lotto-Million dürfte wohl kaum damit rechnen, von Fremden so herzlich aufgenommen zu werden. Menschen mit Behinderung leben noch immer am Rande dieser Gesellschaft, erfahren häufig eine entmündigende und entwürdigende Sonderbehandlung. Besondere Menschen werden von jenen, die sie verwalten, gerne mit besonderen Kennzeichen versehen. Menschen mit Behinderung erhalten sogar einen eigenen Ausweis. Und der berechtigt sie nur bei wirklich hohen Graden an Behinderung zu irgend etwas, zum Beispiel zum Parken. Ansonsten rechtfertigt er nur eine Sonderbehandlung und leistet so der Segregation Vorschub.

Beim Arbeitsamt werden Menschen mit Behinderung – unabhängig von der Art der Behinderung oder der Ausbildung – abgesondert vom Rest der Klientel verwaltet. Bei der Pflegeversicherung wird aus Rationalisierungsgründen die „Zeit für Zuwendung“ aus dem Pflegesatz gekürzt und auch ansonsten bildet die bürokratische Verwahrung und Verwaltung in „besonderen“ Einrichtungen von der Wiege bis zur Bahre keine Ausnahme sondern die Regel. Dort bleiben Menschen mit Behinderung unter sich – und jenseits der Gesellschaft. Wenn sie dann einen kleinen Ausflug in die Welt der Menschen ohne Behinderung unternehmen, werden sie von diesen wie eine seltsame und fremde Spezies bestaunt und begafft.
Was also hat sich geändert in den letzten 100 Jahren? Die menschenverachtende Zurschaustellung ist einem verhaltenen Voyeurismus gewichen, offene Diskriminierung müssen Menschen mit Behinderung kaum noch fürchten. Sie genießen gesetzlich verbriefte Rechte, vor allem das auf Menschenwürde. Abstrakte Toleranz und das Wissen über die Ursachen der Behinderung haben zugenommen. Das Ziel der Integration ist nicht verwirklicht, doch eine „integrative Bereitschaft“ in der Gesellschaft ist vorhanden.

Weitere Beiträge zu diesem Thema:

Der Umgang mit dem Anderssein im Lauf der Geschichte

Menschen mit Handicap - Vorgeführt als Jahrmarktsattraktion

 

GehirnSo funktioniert unser Gedächtnis

Das Gehirn - ein Leben lang unter Strom

Genau genommen ist das Gehirn ein gigantisches Netzwerk mit einem Kabelsystem von mehreren 100 000 km Länge. Unser Speichermedium, das sind die Nervenzellen und ihre Verbindungen untereinander.

Es gibt etwa 100 Milliarden dieser Zellen, und jede einzelne ist mit bis zu 10 000 anderen verbunden. Da liegt der Vergleich mit dem Stromnetz nahe, denn auch in den Nervenbahnen unseres Gehirns fließt Strom. Wird eine Nervenzelle durch einen Reiz stimuliert, verändert sie blitzschnell ihren Zustand: Sie wird aktiviert und "feuert".

So funktioniert Erinnerung

Alles, was wir in unserem Leben lernen, wird in diesem Netz abgebildet. Nehmen wir zum Beispiel einen Ball: Wenn wir uns erinnern, wird genau das Arial im Gehirn aktiviert, das diesen Ball in einer ganz bestimmten Kombination von Nervenzellen abbildet und diese beginnen nun gemeinsam zu feuern. Die Informationen, also Farbe, Form und Funktion des Balls, sind jeweils an verschiedenen Orten im Gehirn gespeichert und zwar in dem Bereich, der auch für die Wahrnehmung der entsprechenden Eigenschaft zuständig ist. Unsere Erinnerung setzt nun die Informationen „Farbe", „Form" und „Funktion" neu zusammen und so entsteht in Sekundenbruchteilen das Bild des Balls vor dem inneren Auge. Und das gleiche gilt natürlich auch für Gesichter, Telefonnummern und Gegenstände.

Der Herr gibt's den seinen im Schlafe

Wir lernen ständig und während wir lernen wachsen neue Nervenzellen und bilden neue Verzweigungen. Das Gehirn verändert sich also kontinuierlich, doch diese Prozesse benötigen Zeit. Unsere Schaltzentrale mag keinen Stress, sondern hat es lieber ganz gemütlich: Dauer-Beschallung und jede andere Ablenkung senkt die Leistung des Gehirns, da wir Menschen nur bedingt mehrere Inhalte gleichzeitig bearbeiten können. Auch starke Emotionen behindern den Weg der Information ins Gedächtnis. Je ungestörter wir in der Phase sind, die auf einen Lernprozess folgt, umso besser werden neue Information abgespeichert. Körperliche Betätigung ist hilfreich oder noch besser: Einfach schlafen. Inhalte, ein letztes Mal im Bett unmittelbar vor dem Einschlafen wiederholt, prägen sich praktisch mühelos ein.

Weiter mit "Und noch mehr Tipps für ein gutes Gedächtnis"

GehirnNoch mehr Tipps für ein gutes Gedächtnis

Fünf gerade sein lassen

Kennen Sie den Effekt? Sie üben und üben, zum Beispiel beim Sport, doch Ihre Fertigkeiten werden einfach nicht besser? Versuchen Sie es einfach zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal! Nach einer längeren Pause sind manche Dinge plötzlich leichter auszuführen als zuvor. Das gilt vor allem für körperliche Fähigkeiten aber auch für diese Situation: Ihnen liegt etwas auf der Zunge und es will Ihnen partout nicht einfallen? Einfach an etwas anderes denken.

Macht das Sinn?

Bestimmt können Sie sich gut an das sture Einpauken, zum Beispiel von Vokabeln, an der Schule erinnern. Sinnfreie Information behagt uns nicht, da streikt der gesunde Menschenverstand. Und die Gehirnforschung bestätigt das: Unser Gehirn ist ein vernetztes System. Inhalte, die nicht an bereits vorhandenes anknüpfen können, fallen durchs Netz. Je besser das Wissen vernetzt ist, desto besser können sich neue Informationen einprägen. Suchen Sie also nach Verknüpfungen, die Ihnen helfen, sich zum Beispiel einen Namen zu merken. Fragen Sie nach und wiederholen Sie den Namen laut. Wiederholung schützt vor Vergessen, denn je öfter Nervenschaltkreise betätigt werden, desto stabiler werden sie. Und machen Sie sich im Geiste ein Bild, das Sie mit der Person verbinden. Eselsbrücken erhöhen die Merkleistung, weil sie Informationen in einer dem Gehirn ähnlichen Struktur aufbereiten. Auch bei allen anderen Informationen, die Sie abspeichern möchten, gilt: Verschaffen Sie sich erst einmal einen Überblick: Gibt es Vergleichbares? Einen roten Faden? Dadurch regen Sie das Hirn an, nach schon vorhandenen "Speicherplätzen" zu suchen bzw. neue anzulegen und bereiten es auf die neuen Inhalte vor.

Im wahrsten Sinne begreifen

Sind Sie eher der visuelle Typ oder speichern Sie Gehörtes besser ab? Jeder von uns hat einen bevorzugten Wahrnehmungs-Kanal und was wir im wörtlichen Sinne „begreifen", prägt sich nachhaltiger ein. Es ist im Grunde sehr einfach: Wer aktiv mit seinen Sinnen beteiligt ist, behält auch mehr. Motivation, Neugier und persönliches Interesse erzeugen positive Gefühle – die wichtigste Voraussetzung für den Lernerfolg. Halten Sie sich ganz bewusst vor Augen, warum es Ihnen am Herzen liegt, bestimmte Informationen zu speichern, verpacken Sie Neues in Vertrautes und schon kann es sich besser im Gehirn verankern.

Zum Beitrag "So funktioniert unser Gedächtnis"