Garten EdenEin Neuer Umgang mit der Macht

Macht ist zunächst ein neutraler Begriff und kann durchaus im positiven Sinne verstanden werden. Gestaltende, aufbauende Macht kann konstruktive Entwicklungen in Gang setzen. Unter einer Bedingung: Die Strategien der Macht müssen transparent sein. Eine Enttabuisierung und ein „neuer Umgang mit der Macht“ könnte nicht nur der Wirtschaft, sondern auch der Politik zu einer höheren Glaubwürdigkeit in der Öffentlichkeit und damit der gesamten Gesellschaft zu nachhaltigeren ökonomischen Erfolgen und zu mehr Menschlichkeit verhelfen. [Vgl. Hoffmann, Walter: Vom Mythos Macht im Management: Ein Tabu im Umbruch?]

Das globale Versagen der Politik

Der Logik Alfred Adlers folgend kann man dem Streben nach Macht um der Macht willen nur dadurch erfolgreich begegnen, indem diesem Streben die Basis entzogen wird: das überdimensionierte Minderwertigkeitsgefühl der nach Macht Strebenden. Menschen sollten von frühester Kindheit an ein gesundes Selbstwertgefühl entwickeln können. Nur dann kann er die anstehenden Lebensaufgaben konstruktiv und kooperativ bewältigen. Das passiert natürlich nicht von heute auf morgen. Es sind langfristige gesamtgesellschaftliche Umlern-Prozesse notwendig. Wir werden zunächst wie immer mit Spannung verfolgen, welche Parteien bei den nächsten Wahlen das Rennen machen. Sie werden bald wieder selbst am Pranger stehen. Weil sie keine Lösungen für die anstehenden Probleme aufzeigen können und das globale Versagen der Politik nicht verhindern können.

Verantwortung übernehmen

Gleichzeitig bilden sich weltweit agierende, sich selbst organisierende, kooperative Netzwerke und operative Strukturen heraus. Sie nutzen kreativ die Freiräume, um aus einem wohl verstandenen Gemeinschaftsgefühl heraus regionale, aber auch transnationale Politiken zu betreiben. Es ist an der Zeit, Abschied zu nehmen von den „Göttern“ und selbst ein Stück Verantwortung aus Einsicht und Freiheit für die gemeinsame Zukunft zu übernehmen.

Ring des NibelungenLiebe, Macht, Verblendung – die Götterdämmerung

Richard Wagner verfasste mit dem Ring des Nibelungen eine psychologische Parabel auf die Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung. Hauptdarsteller Alberich sucht die Liebe vergeblich. Er versucht schließlich, sie durch Macht zu kompensieren. Alberich verfällt am Ende der Sucht nach Allmacht, die selbst über Leichen geht. Dieses Gleichnis hat bis heute nichts an Gültigkeit eingebüßt.

Wotan und die Liebe

Die Natur, versinnbildlicht durch die Rheintöchter, verweigert Alberich die Befriedigung seiner Bedürfnisse. Der tyrannische König der Nibelungen entsagt daraufhin der Liebe. Auch die Götter selbst schmähen die Liebe: Selbst Gott Wotan würde keinen Augenblick zögern, Freia, die Göttin der Liebe, für die Allherrschaft zu opfern. Er wird nur durch das Naturgesetz daran gehindert. Doch Wotan ist süchtig nach Macht. Seine Machtgier wird immer größer. Sie ist schließlich so groß, dass er für die Allherschaft sogar die Weltordnung aufgeben will. Die Ordnung, die er selbst geschaffen hat. Es kommt zur Götterdämmerung.

Untergang der alten Ordnung und Götterdämmerung

Die Götterdämmerung wäre vermeidbar gewesen, wenn Wotan auf den Ring des Nibelungen verzichtet hätte. Der Ring ist das Symbol der Macht. Erst in der Auseinandersetzung mit seiner Tochter zeigt sich die hinter Wotans Machtgier verborgene Kraft der Liebe. Brünnhilde ist die Inkarnation seiner innersten Wünsche, seines Unterbewusstseins. Der Gott Wotan nimmt Abschied von seinen Illusionen. Er erkennt, dass eine neue Weltordnung kommen wird. In dieser neuen Ordnung werden Götter nicht mehr benötigt. Mit der Götterdämmerung verlieren die Götter ihre Macht über die Welt, die Rheintöchter nehmen den Ring wieder an sich, es schließt sich der Kreis: Untergang geht in Leben über, der Fluch, der auf der Welt lag, weicht, die Dinge fügen sich in ihre natürliche Ordnung.

drei AffenRealitätsverlust - Macht - Abwehrmechanismen

Dem Streben nach politischer Karriere liegt allzu oft ein konkretes Motiv zugrunde: Das Bedürfnis, mächtig und wichtig zu sein. Der Wunsch nach Anerkennung wird kaschiert durch eine politische Mission, zum Beispiel das Kämpfen für „soziale Gerechtigkeit“, „Umweltschutz“ etc. Unbewusst sind schon mehrere Abwehrmechanismen aktiv. Es entstehen „blinde Flecken“.

Verdrängung, Verleugnung, Projektion

Die zugrunde liegenden Bedürfnisse werden verdrängt, ja verleugnet. An ihre Stelle tritt die Rationalisierung. Man findet für das ursprüngliche Motiv einen „guten Grund“, beispielsweise: „Ich tue das, weil ich Gutes bewirken will!“ Der Abwehrmechanismus der Projektion zeigt sich im Umgang der Parteien miteinander: Die gegnerischen Lager prangern Schwächen, Fehler und Versagen der anderen an. Sie machen diese zum überwiegenden Teil ihrer politischen Inhalte. Anstatt in schwierigen Phasen gemeinsam an Lösungen für Probleme, Konflikte und Fragen der Zukunft zu arbeiten.

Der blinde Fleck der Politik

Mit einer erstaunlichen Blindheit dafür, dass es sich fast immer um eigene Verfehlungen handelt. Fehler, die von der anklagenden Partei selbst schon begangen wurden und werden. Die politischen Strategien und die dahinter stehenden psychologischen Mechanismen sind uralt. Eine neue Qualität gewinnen sie vor dem Hintergrund, dass eine breite Öffentlichkeit im Internet diese Spiegelfechtereien verfolgt und daran teilnimmt. Die Menschen „da draußen“ haben kein Verständnis mehr für diese Gefechte. Sie fordern die konkrete Vertretung ihrer Interessen ein. Egal von welcher Partei.

Politiker lassen sich heute mit jeder Sau durchs Dorf treiben. Sie übertrumpfen sich mit lauten Parolen und üben sich dann in Ignoranz. Klare Linie? Fehlanzeige! Das schadet der Gesellschaft, der Wirtschaft und den Politikern selbst. Eine glaubwürdige, optimistische Perspektive, die Gegensätze versöhnen und Spannungen befrieden kann, ist nicht in Sicht.

Die Herrschaft der Medien und der Wirklichkeitsverlust

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/1/15/Honor%C3%A9_Daumier_-_Gargantua.jpg/312px-Honor%C3%A9_Daumier_-_Gargantua.jpgSchon zu Beginn des neuen Jahrtausends prangerte der politische Journalist Jürgen Leinemann († 2013) die Massenmedien an. Das war lange, bevor das Internet seinen Siegeszug antrat. Er kritisierte damals, dass Medien die Tendenz der kollektiven Derealisation verstärkten: Wir entfernen uns immer weiter von der Wirklichkeit, statt uns der Realität anzunähern. In seinem Buch „Höhenrausch“ schreibt Leinemann, die „Mediokratie“ erschaffe durch mediale Inszenierung Ersatzwirklichkeiten. In diesen virtuellen Räumen können die Polit-Profis ihr Ego aufblähen und ihre faktische Ohnmacht kompensieren.

Fakes statt Fakten

Der langjährige Spiegel-Journalist beklagt einen zunehmenden Wirklichkeitsverlust in unserer Gesellschaft: Politische Überzeugungen und eine echte Welt- und Sachkenntnis gehen verloren. Mediale Formen der Inszenierung nehmen dagegen rasant zu. Gleichzeitig lernen erfolgreiche Politiker, Macht als Droge zu genießen. Diese Sucht bezeichnet Leinemann als die spezifische Krankheit unseres Zeitalters. Der Realitätsverlust sei bezeichnend für das Sucht-Syndrom. In „Höhenrausch“ stellt er fest, dass der Beruf des Politikers für den Großteil unserer Volksvertreter zu Droge geworden ist: Macht, Erfolg, Arbeit, Alkohol, öffentlicher Applaus – das alles seien Auslöser für den Höhenrausch und zugleich Verstärker für die Sucht.

Narzissmus und Sucht

Die Sucht entsteht nach Leinemann vor allem durch Narzissmus. Er stellt ihn etwas verkürzt als eitle Selbstverliebtheit dar, die immer wieder nach neuer Bestätigung verlange. Verkürzt deswegen, weil die narzisstische Persönlichkeit zwischen Gefühlen der eigenen Überwertigkeit und der Minderwertigkeit schwankt. Und das ist genau genommen das eigentliche Problem, das nach Kompensation drängt.

Korruption wird belohnt

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/5a/Boss_Tweed%2C_Thomas_Nast.jpgZeigt ein Kind das erwünschte Verhalten, lassen wir Konsequenzen folgen: Wir belohnen es. Handelt es gegen die Regeln, lassen wir ebenfalls Konsequenzen folgen: Strafe. Dabei wenden wir ein einfaches Prinzip der Lernpsychologie an. Dieses besagt: Belohnungen verstärken einen Lernprozess positiv.

Korruption wird nicht abgestraft

Korruption in Politik und Wirtschaft wird selten abgestraft. Ganz im Gegenteil. Korruption wird sogar häufig dadurch belohnt, dass der Tatbestand als Kavaliersdelikt behandelt wird. Die Akteure ziehen sich meistens elegant aus der Affäre. Sie bleiben in Amt und Würden. Sie erhalten weiterhin üppige Bezüge und den Zuspruch ihrer Klientel. Was also lernen sie daraus?

Sie lernen,

  1. dass alles nicht so schlimm war,

  2. dass diese Strategie erfolgreich ist und

  3. dass man das nächste Mal nur vielleicht etwas vorsichtiger sein sollte.

Perfektionierung korrupter Systeme

Das ist eine fatale Entwicklung. Sie führt beinahe zwangsläufig zur Perfektionierung korrupter Strategien und Systeme. Die Adepten der Macht lernen am „erfolgreichen Modell“. Selbst auf gravierende Fehlleistungen und auf Verstöße gegen die guten Sitten folgen keine ernst zu nehmenden Konsequenzen. Die Handelnden werden nicht zur Verantwortung gezogen. Sie verschwinden bestenfalls eine Zeit lang hinter den Kulissen. Ein echtes Risiko (mit dem beispielsweise die hohen Aufwandsentschädigungen der CEOs gerne gerechtfertigt werden) tragen diese Entscheider nicht. Selbst bei Fehlentscheidungen, die sie öffentlich untragbar machen, werden sie mit goldenen Handschlag verabschiedet.

Menschen machen Fehler

Bevor wir aber leichtfertig und pauschal urteilen, sollten wir bedenken: Politiker und Manager sind auch nur Menschen. Und wir müssen uns auch selbst an die eigene Nase fassen: Warum vertrauen wir diesen fehlbaren Menschen unser Schicksal an? Warum nehmen wir es nicht selbst in die Hand?

Narzissmus, Macht und Illusion

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/9/9b/Andrea_Appiani_Napoleon_K%C3%B6nig_von_Rom.jpg/185px-Andrea_Appiani_Napoleon_K%C3%B6nig_von_Rom.jpgIn ihrem Buch „Die Fesseln der Liebe“ schreibt die Psychoanalytikerin Jessica Benjamin: „Niemand kann sich der Abhängigkeit von anderen oder dem Wunsch nach Anerkennung entziehen.“ Diplom-Psychologe Dr. Jürgen Wirth ergänzt in seinem Werk „Narzissmus und Macht“: „Die Anhäufung von noch so viel Macht kann das menschliche „Urbedürfnis“ nach Liebe und Anerkennung jedoch nicht ersetzen, sondern nur umformen und ausnutzen. Wer Macht hat, kann sich Liebe und Anerkennung erzwingen und erkaufen.“ Damit verschleiert er jedoch nur seine fundamentale Abhängigkeit.

Herrscher und Beherrschte

Die „Machtgelüste“ des Herrschers, so Wirth, finden auf Seiten der Beherrschten ihre Entsprechung - in Form von Unterwerfungs- und Schutzbedürfnissen. Sie lassen dieses eingespielte System von Macht und gegenseitigen Abhängigkeiten überhaupt erst möglich werden. Das System entwickelt seine Eigendynamik: „Die Übermacht der deformierenden Verhältnisse ist danach so groß, dass sich der einzelne Politiker den korrumpierenden Einflüssen der Macht nicht entziehen kann. (…) Macht übt deshalb gerade auf solche Personen eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus, die an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leiden. Ungezügelte Selbstbezogenheit, Sieger-Mentalität, Karriere-Besessenheit und Größenfantasien sind Eigenschaften, die der narzisstisch gestörten Persönlichkeit den Weg in die Schaltzentralen der Macht ebnen.“

Macht und Scheitern

Das führt fast zwingend dazu, dass Mächtige sich nicht mit kompetenten Menschen umgeben. Mit guten Beratern, die angemessene Lösungen für die anstehenden Problemen suchen. Politiker umgeben sich vielmehr mit „Ja-Sagern, Bewunderern und gewitzten Manipulatoren“, die sie in ihrem Selbstbild bestätigen. Die aber gleichzeitig dafür sorgen, dass sie sich von der Realität immer mehr entfernen. Gestörte Führerpersönlichkeiten lenken gekonnt die „gegen sie gerichteten Aggressionen ihrer Untertanen auf außenstehende Feinde um“. Sie sind geblendet von den eigenen Größen und Allmachtsphantasien. Sie verlieren den Bezug zur gesellschaftlichen Realität und müssen letztlich scheitern.

Mehr lesen:

Macht und Verantwortung - frag immer nach dem Motiv!

Minderwertigkeit und Kompensation nach Alfred Adler

 

Der geheime Lebensplan (Alfred Adler)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/e/ec/Punch_Rhodes_Colossus.png/185px-Punch_Rhodes_Colossus.pngJeder Mensch entwirft nach Adler schon als Kind einen Lebensplan. Der bleibt vorerst „geheim“ - er ist nicht bewusst. Er verfolgt den Plan, weil er glaubt, dass sein Bedürfnis nach Anerkennung und Geltung befriedigt wird, wenn er die gesteckten Ziele erreicht. Je ausgeprägter das Gefühl der Minderwertigkeit, desto zwanghafter wird der Plan abgearbeitet. Daraus ergibt sich eine Leitlinie. Sie manifestiert sich in bestimmten Glaubenssätzen:

  • Ich muss erfolgreich sein.“
  • „Ich muss immer der Beste sein.“
  • „Ich muss mich unterordnen.“
  • „Ich muss diszipliniert sein.“
  • ...

Sie kann sich auch in Verboten äußern, die der Betreffende sich selbst erteilt, um das Erreichen seiner Ziele nicht zu gefährden wie

  • „Ich darf nicht auffallen.“
  • Ich darf keine Schwäche zeigen.“
  • ...

Streben nach Gottähnlichkeit

Die Zwanghaftigkeit der Leitlinie macht unfrei. Sie beschränkt die Handlungsmöglichkeiten. Doch jeder Mensch kann sich von diesem tyrannischen Einfluss befreien. Er ist dann endlich nicht mehr sklavisch dem „Gottähnlichkeitsstreben“ ausgeliefert. Er kann die anstehenden Lebensaufgaben sachlich in Angriff nehmen, sie orientiert am gesellschaftlichen Nutzen bewältigen.

Ist die Übernahme von Verantwortung per se wertvoll?

Dieser Ansatz Adlers wirft ein völlig neues Licht auf die Beurteilung menschlicher Verhaltensweisen. Vor allem auch solcher vielen als wertvoll gilt, ohne dass sie die Motive hinterfragen: Die Übernahme von Verantwortung. Die Entscheidung kann auf Einsicht und Freiheit beruhen. Wenn der Betreffende sie aus sachlichen Erwägungen und aufgrund eines entwickelten Gemeinschaftsgefühls übernimmt. Doch was, wenn er sich der Verantwortung nur bedient, um seine Minderwertigkeit zu kompensieren? Um sich befriedigt und bestätigt zu fühlen? Dann beruht die Entscheidung auf seinem tief verinnerlichten, psychischem Zwang.

Alfred Adlers Schlussfolgerungen:

  • Je größer das Geltungsstreben, desto größer das Bedürfnis, eine Maske zu zeigen und eine unwahre Rolle zu spielen.

  • Je mehr ein Mensch sich selbst wirklich annimmt, desto echter kann er sein.

  • Je eigenständiger ein Mensch ist, desto weniger ist er von den Meinungen anderer Leute abhängig.

  • Je mehr ein Mensch auf Ansehen und Geltung aus ist, desto weniger kann er eine Aufgabe sachlich lösen.

Mehr lesen: Minderwertigkeit und Kompensation nach Alfred Adler

Alfred AdlerMinderwertigkeit und Kompensation nach Alfred Adler

Der Arzt und Begründer der Individualpsychologie Alfred Adler war ein Zeitgenosse und zeitweiliger Wegbegleiter Sigmund Freuds. Er geht im Gegensatz zu Freud davon aus, dass dem menschlichen Verhalten nicht nur eine kausale Begründung zugrunde liegt, sondern auch eine finale. Kausal bedeutet in diesem Zusammenhang: Die Ursache liegt in der Vergangenheit und hat Wirkung in die Gegenwart. Final: Das Handeln ist auf ein bestimmtes Ziel, einen bestimmten Zweck gerichtet und soll etwas bewirken. Man muss also Zweck und Ziel des Verhalten erforschen, wenn man es verstehen möchte.

Adler möchte jedoch den Menschen nicht in seine Einzelteile zerlegen. Er versucht, das Individuum in seiner Ganzheitlichkeit zu sehen. Als soziales Wesen, das in einen gesellschaftlichen Kontext eingebunden ist.

Minderwertigkeitsgefühle in der Kindheit prägen

Kinder beginnen früh, sich mit den Menschen in ihrer Umgebung zu vergleichen. Alfred Adler ist überzeugt davon, dass sie die „objektive Minderwertigkeit“ gegenüber anderen deutlich spüren. Er glaubt auch, dass beispielsweise körperliche Schwächen zu Insuffizienz-Gefühlen führen können. Solche psychischen Grundkonstanten treiben den Menschen ein Leben lang an. Er hat das Bedürfnis, die empfundene Minderwertigkeit durch besondere Leistung zu kompensieren.

Kompensations-Strategien im Kapitalismus

Es gibt nach Adler einen guten Weg zur Kompensation der eigenen Minderwertigkeit: Die Entwicklung eines Gemeinschaftsgefühls. Das empfundene Defizit kann durch die Kooperation mit anderen und die gemeinsame Bewältigung der Lebensaufgaben ausgeglichen werden. Doch Adler sieht auch, dass die vorherrschenden sozialen Strukturen und der Geist des Kapitalismus das Konkurrenz-Denken fördert. Er fürchtet, dass dieses Denken schon Kinder in die Irre führt. Sie bewerten die Realität nach falschen Maßstäben. Sie lernen durch das Vorbild der Mächtigen, Reichen und Wichtigen, dass Kompensation möglich ist. Doch die Mittel sind fatal: Ichbezogenes Streben und ein Verhalten, das sich rücksichtslos Anerkennung und Geltung verschafft, Überlegenheit über andere anstrebt und Macht auf sie ausübt. Adler hält dieses Streben für eine verfehlte Antwort auf die eigene Minderwertigkeit. Es ist jedoch der Motor für die allermeisten menschlichen Verhaltensweisen.

Mehr lesen: Macht und Verantwortung - frag immer nach dem Motiv!

tabuPolitik: Offenheit und Transparenz schwächen das System

Die Rituale der Macht und das Herrschaftswissen unterlagen zu allen Zeiten einem Tabu. Auch heute zeigen die Mächtigen wenig Interesse an der Offenbarung ihrer Strategiespiele und Machttechniken. Schon deswegen, weil Transparenz immer das Risiko birgt, gewachsene Strukturen und das System zu gefährden. Die Medien tun ihr übriges dazu. Sie prangern zwar Fehlentwicklungen an und fordern Kontrollmechanismen ein, beleuchten aber selten die Hintergründe, die zu Machtmissbrauch und Korruption führen. Sie bleiben vor allem nie lange an einer Sache dran, sondern treiben bald darauf schon eine neue Sau durchs Dorf.

Die Ohnmacht der Entscheider

Auch die Ohnmacht der vermeintlich mächtigen Entscheider, so eine Studie über „Macht im Management“, wird selten thematisiert: Aus gesellschaftlichen Veränderungen ergeben sich zwangsläufig unkalkulierbare und unbeeinflussbare Faktoren und selbst dann, wenn „Menschen am Steuer“ sich auf einen gemeinsamen Kurs geeinigt haben, so die Studie, kann es passieren, dass ihre Steuerbefehle keine Auswirkungen auf den Kurs haben. Der so genannte „Aquaplanning-Effekt“ tritt ein. Mit zunehmender Komplexität der anstehenden Aufgaben, der wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnisse z. B. zwischen Politik und Wirtschaft werden die Systeme immer weniger beherrschbar, globale und transnationale Entwicklungen entziehen sich der Steuerung durch nationale Politiken.

Der fehlende Handlungs- und Entscheidungsspielraum löst Hilflosigkeit, Lähmung und innere Blockaden aus. Wer Macht hat, hat vor allem auch Angst vor der Ohnmacht oder wie einer der befragten Manager der äußert: „Die Angst, wieder dort zu landen, woher man kam. Angstträume, dass man wieder Kühe melken müsste.“

19467903305 04072421b1 qIntuition: Der Fehler als Motor der Evolution

Wirklich effizient wird unser Gehirn erst, wenn es uns gelingt, unsere Intuition zu aktivieren und ihr zu vertrauen. Nur dann können wir das Potenzial dieses Organs wirklich ausschöpfen. Intuition hat somit auch wissenschaftlich begründet ihren berechtigten Platz in unserem Denksystem gefunden. Diese Entwicklung macht Hoffnung, denn das Phänomen Intuition kann zu einem gesellschaftlichen Umdenken in vieler Hinsicht beitragen. Es wäre allerdings ein großes Missverständnis, davon auszugehen, dass intuitiv getroffene Entscheidungen zu "perfekten" Lösungen führen, denn, so Vossenkuhl: Auch Intuition kann schließlich irren. Darin besteht der eigentliche Lernprozess. Denn der Faktor, der Entwicklung voran treibt, ist ja gerade der Irrtum - der Fehler, der produziert wird, wenn wir neue Wege beschreiten und dabei irren.

Multimilliardär George Soros beispielsweise erwarb sein Vermögen eher intuitiv. Er bringt sein Erfolgsrezept so auf den Punkt: "Fehleinschätzungen müssen einem nicht peinlich sein; peinlich ist nur, Fehler nicht zu korrigieren." Im "Glauben an die Fehlbarkeit" sieht er sogar die Voraussetzung für einen sachlichen Umgang mit den Dingen. Darin liegt auch aus psychologischer Sicht viel Weisheit: Wenn Fehler als mögliche Folge des Handelns zugelassen werden, kann auch die Angst vor Fehlern schwinden. Die Angst vor Fehlern hat nämlich, wenn sie überhand nimmt, beinahe unweigerlich weitere Fehler zur Folge. Psychotrick Nummer eins der Neuroökonomen für die Börsenwelt lautet also:

Kommen Sie nicht in Versuchung, sich einzureden, Sie würden Ihre Anlageentscheidungen rational treffen - kein Mensch tut das. Ohne die Lust auf den großen Gewinn würde sich niemand am Aktienmarkt engagieren. Ins Extrem gesteigerte Gefühle wie Gier und Angst hingegen können jedes Portfolio schwer beschädigen. Die Aufgabe eines jeden Anlegers besteht deshalb darin, seine emotionale Balance zu finden.“

Weitere Beiträge zum Thema Utopie:

Das Phänomen Intuition

10 Regeln für Utopisten und solche, die es werden wollen

Utopia: Geografie des sechsten Kontinents

Erfolgreicher dank Intuition

Die drei Dimensionen der Utopie

Ernst Bloch und die Utopie-Kritik

Kann Hoffnung enttäuscht werden?

Ernst BlochDiese Frage stellte Ernst Bloch 1961 bei seiner Antrittsvorlesung in Tübingen. Seine Antwort: "Und wie doch, gewiss, so etwas ist leicht zu haben. Kommt haufenweise vor, jedes Leben ist voll von Träumen, die nicht werden." Trotz dieser zahlreichen Enttäuschungen glaubt Bloch an die Fähigkeit der Menschen, am "Prinzip Hoffnung" festzuhalten. Die objektiv-reale Möglichkeit dieser tiefen Sehnsucht nach einer besseren Welt erscheine in der Kunst. Dort leuchte bereits ein Vorschein des Künftigen auf. Bloch bezeichnet diesen Vorschein auch als das „Noch-Nicht-Bewusste“: Aus dem Dunkel des Bewusstseins dämmert herauf, was wir sein könnten. Einer seiner Leitsätze lautet

Denken heißt Überschreiten“.

Wenn das „Noch-Nicht-Bewusste“ die Schwelle zum Bewusstsein überschritten hat, kann bis dahin Undenkbares auch erdacht werden. Was dabei heraus kommt, bezeichnet er als „konkrete Utopie“. Für Utopie-Kritiker ist dieser Begriff ein Widerspruch in sich: Bloch bemisst nämlich die Utopie am „real Möglichen“. Utopie wird zu einem Labor, in dem Annäherungen an das Zukünftige tastend und experimentierend hervorgebracht werden.

Utopie-Kritik

Heute herrscht vor allem die Kritik an der Utopie vor. Sie lässt sich in etwa so auf die Formel bringen: Akzeptiert doch bitte die Gesellschaft so, wie sie ist. Wenigstens im Großen und Ganzen.

Utopie wird als Bedrohung empfunden. Insbesondere von jenen, die Veränderung scheuen. So glaubt zum Beispiel auch der Historiker und Autor Joachim Fest, alles Unheil rühre nur vom utopischen Drang zur idealen Gesellschaft her und wenn die Menschen endlich lernten, sich mit der Welt, so wie sie ist, zu arrangieren, könne alles gut werden. Jedenfalls so gut, wie es eine unvollkommene Welt mit unvollkommenen Menschen zulässt.

Weitere Beiträge zum Thema Utopie:

Das Phänomen Intuition

10 Regeln für Utopisten und solche, die es werden wollen

Utopia: Geografie des sechsten Kontinents

Erfolgreicher dank Intuition

Die drei Dimensionen der Utopie

Die drei Dimensionen der Utopie

1. Zeit

M. C. Escher

Irgendwann entwickelte der Mensch ein Bewusstsein darüber, dass er Vergangenheit und Zukunft hat. Damit beginnt eine neue Zeitrechnung und eine neue Form der Kreativität: Sie geht über das Abbilden des Konkreten hinaus und schafft Neues, eine abstrakte Vorstellung von der Welt.

Denken heißt Vergleichen“, so Walter Rathenau. Wer das Gestern mit dem Heute vergleichen kann, stellt unweigerlich fest, dass sich die Dinge ändern. Er wird folgern, dass nichts so bleiben muss, wie es ist. Er wird damit beginnen, Dinge zu erdenken, die Morgen sein könnten. Was heute noch unmöglich scheint wird vielleicht morgen so selbstverständlich und scheinbar unabänderlich sein, wie all das, was heute existiert.

2. Raum

Jede Population kann ihre Überlebenschancen optimieren. Unter anderem, indem sie ihren Aktionsradius ausweitet. Auch der Mensch beginnt, seine angestammte Umwelt zu verlassen. Er gewinnt dadurch eine Vorstellung von dem Raum, der ihn umgibt. Er begreift, dass neben seiner kleinen Welt noch andere Welten existieren. Von da an wird er seine Welt nicht mehr für die einzig existierende halten, sondern viele andere für möglich. Der Mensch beginnt, neue Ressourcen in unbekanntem Territorium zu erschließen. Das erhöht sein Risiko, auf Gefahren zu treffen. Seine Überlebenschance wächst mit der Fähigkeit, sich diese Orte vorzustellen. Als Orte, die Nahrung in Hülle und Fülle bieten, aber auch als solche, die ihn in Furcht und Schrecken versetzen und seine Existenz bedrohen. Erstmals gibt es Welten, die nur in der Vorstellung des Menschen existieren.

3. Zeitgeist

Jede Utopie entspringt dem Zeitgeist. Utopie ist das Licht, das dem Schatten entspricht, von dem die Zeit geprägt ist, in der sie entsteht. Nahrung satt ist die Antwort auf Hunger und in Kriegszeiten entsteht der Wunsch nach Frieden. Je größer das Chaos, desto größer die Sehnsucht nach Struktur. Es ist also kein Wunder, dass viele Utopien in der Vergangenheit ein System anstrebten, das Sicherheit und Geborgenheit bot, territoriale und persönliche Grenzen schützte und ein planvolles soziales oder wirtschaftliches Leben und Handeln ermöglichte. Das gilt übrigens sogar für viele „progressive“ Konzepte wie zum Beispiel die sozialistischen Utopien oder Ernest Callenbachs „Ökotopia“.

Weitere Beiträge zum Thema Utopie:

10 Regeln für Utopisten und solche, die es werden wollen

Utopia: Geografie des sechsten Kontinents

Ernst Bloch und die Utopie-Kritik