Christkindlesmarkt Nuernberg

*** Vorbemerkung im November 2020: Leider muss der Christkindlesmarkt in diesem Jahr ausfallen. Wir können diesmal nur in schönen Erinnerungen schwelgen. Als kleine Gedächtnisstütze der nachfolgende Beitrag...***

Der Nürnberger und sein Christkindlesmarkt

Irgendwann gegen Ende November meldet sich der Nürnberger aus der Innenstadt ab. Das ist zufällig ganz kurz vor der Eröffnung des Christkindlesmarktes.

Nicht weil er seinen Weihnachtsmarkt nicht schön fände. Aber am allerschönsten findet er ihn eben aus respektvoller Nähe betrachtet. Von ganz weit weg. Am besten von Mallorca aus auf einer Postkarte.

Dem Nürnberger ist es überhaupt ein Rätsel, wie man sich bei der Eröffnung auf den Hauptmarkt stellen kann, um das Christkind zu sehen. Zumal einem dort bei nasskaltem Novemberwetter sowieso nur die Füße einfrieren. Was aber immerhin den Vorteil hat, dass man es irgendwann nicht mehr spürt, wenn einem dauernd irgendwelche Leute auf die selbigen treten.

Der Nürnberger kann seinen Glühwein nämlich auch zu Hause trinken. Den gibt es ja heutzutage sowieso schon überall zu kaufen. Warum soll er es sich da also nicht gleich mit seim Brodworschdweggla* auf dem Sofa vor der Glotze gemütlich machen, wo man doch von da aus sowieso eine viel bessere Sicht auf des Grinskistla** hat. Das Filmteam vom Bayerischen Fernsehen dreht eh vom Rathausfenster schräg gegenüber. Immerhin kann man sich daheim genauso gut mit Senf bekleckern.

A su a Gwerch!***

Nur dann, wenn der Nürnberger Besuch hat, geht er mit dem zur Eröffnung des Christkindlesmarktes. Aber das selbstverständlich nur missmutig und unter fortwährendem und ausführlichem vor sich hin Schimpfen. Da findet sich immer ein guter Grund. Zum Beispiel die vielen amerikanischen Touristen, die den geschmacklosen Klimbim kaufen. Die jedes Jahr weiter ins exorbitante steigenden Preise für diesen vollkommen überflüssigen Tand, den doch jetzt eigentlich wirklich keiner braucht. Und - mit einem vernichtenden Seitenblick auf seine Gäste - auch über die Dummheit jener Leute, die ausgerechnet am Tag der Eröffnung auf den Weihnachtsmarkt gehen müssen. Um sich dann am Ende wohlmöglich noch von den allgegenwärtigen Beutelschneidern bestehlen zu lassen.

Er klagt über die von Jahr zu Jahr schlechter erzogenen und übelgelaunteren Bangerten**** und zwar so laut, dass alle außen herum es garantiert hören können. Die sähen doch sowieso nichts, obwohl sie kreischend auf den Schultern ihrer Väter säßen, sofern sie denn überhaupt welche hätten. Vor lauter Langeweile träten die mit ihren kleinen Winterstiefelchen bösartig um sich und bröselten aus ähnlich niederen Beweggründen die Umstehenden mit Spekulatius-Krümeln voll. Oder besabbern sie mit Kinderpunsch und Softeis. Dabei lässt er seine Begleiter nur allzu deutlich spüren – und hören, dass er nur ihretwegen all diese Beschwernisse auf sich genommen hat. Er betont immer wieder, wie gemütlich er es jetzt zu Hause haben könnte. So ganz ohne Gwerch auf seinem Sofa.

Besabberd und vergleggerd

Beim obligatorischen Rundgang im Geschiebe kommt der Nürnberger dann langsam auf Hochtouren. Er beschwert sich über den unfreiwilligen Körperkontakt und das kunterbunte Fremdgeklecker auf der teuren Winterjacke. Das weise ja jetzt schon von weiß wie Majo bis hin zu rot wie Ketchup das gesamte Spektrum der fränkischen Landesfarben auf. Angesichts der über den Weihnachtsmarkt wabernden Wolken aus den süßlichen Aromen von Lebkuchen und Glühwein, die sich mit dem herben Geruch von Bratwurst und Zwiebelkuchen zu atemberaubenden Düften vermischen, rümpft er angewidert die Nase. Er schubst sich gekonnt durch die Budenstraße an den Tresen heran. Trinken tut er selbstverständlich auch nicht den gewöhnlichen Glühwein, sondern ausschließlich den feinen Heidelbeerglühwein. Weil der, wie aber eben nur der Nürnberger als echter Insider weiß, nämlich viel besser schmeckt.

Eine kleine Träne hat er aber dann doch im Auge und ist ganz heimatlich weihnachtlich angerührt. Obwohl er es im Leben nicht zugeben würde. Wenn ihm nämlich im Vorübergehen seine japanischen Touristen am Glühweinstand zuprosten und dabei sehr laut und ebenso falsch in ihrer Landessprache "Stille Nacht" singen. Als wär‘ das Weihnachtsfest ein Karaoke-Wettbewerb. Hat er wieder einmal richtig schön mittelfränkisch gemuffelt, der Nürnberger. Bassd scho! Insgeheim freut er sich schon aufs nächste Jahr. Und auf den Besuch, mit dem er dann wieder zum Christkindlesmarkt gehen kann. Denn daheim auf dem Sofa mit heißem Glühwein, die Kerzen angezündet und Weihnachtslieder aufgelegt - das wäre halt einfach doch nicht das Gleiche.

Glossar:

* Bratwurstbrötchen

** Christkindlein

*** So ein unüberschaubares Durcheinander!

**** Rotzgören (ursprüngl.: uneheliches Kind)