Kann Hoffnung enttäuscht werden?

Ernst BlochDiese Frage stellte Ernst Bloch 1961 bei seiner Antrittsvorlesung in Tübingen. Seine Antwort: "Und wie doch, gewiss, so etwas ist leicht zu haben. Kommt haufenweise vor, jedes Leben ist voll von Träumen, die nicht werden." Trotz dieser zahlreichen Enttäuschungen glaubt Bloch an die Fähigkeit der Menschen, am "Prinzip Hoffnung" festzuhalten. Die objektiv-reale Möglichkeit dieser tiefen Sehnsucht nach einer besseren Welt erscheine in der Kunst. Dort leuchte bereits ein Vorschein des Künftigen auf. Bloch bezeichnet diesen Vorschein auch als das „Noch-Nicht-Bewusste“: Aus dem Dunkel des Bewusstseins dämmert herauf, was wir sein könnten. Einer seiner Leitsätze lautet

Denken heißt Überschreiten“.

Wenn das „Noch-Nicht-Bewusste“ die Schwelle zum Bewusstsein überschritten hat, kann bis dahin Undenkbares auch erdacht werden. Was dabei heraus kommt, bezeichnet er als „konkrete Utopie“. Für Utopie-Kritiker ist dieser Begriff ein Widerspruch in sich: Bloch bemisst nämlich die Utopie am „real Möglichen“. Sie wird zu einem Labor, in dem Annäherungen an das Zukünftige tastend und experimentierend hervorgebracht werden.

Utopie-Kritik

Heute herrscht vor allem die Kritik an der Utopie vor. Sie lässt sich in etwa so auf die Formel bringen: Akzeptiert doch bitte die Gesellschaft so, wie sie ist. Wenigstens im Großen und Ganzen.

Utopie wird als Bedrohung empfunden. Insbesondere von jenen, die Veränderung scheuen. So glaubt zum Beispiel auch der Historiker und Autor Joachim Fest, alles Unheil rühre nur vom utopischen Drang zur idealen Gesellschaft her und wenn die Menschen endlich lernten, sich mit der Welt, so wie sie ist, zu arrangieren, könne alles gut werden. Jedenfalls so gut, wie es eine unvollkommene Welt mit unvollkommenen Menschen zulässt.

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