Die drei Dimensionen der Utopie

1. Zeit

M. C. Escher

Irgendwann entwickelte der Mensch ein Bewusstsein darüber, dass er Vergangenheit und Zukunft hat. Damit beginnt eine neue Zeitrechnung und eine neue Form der Kreativität: Sie geht über das Abbilden des Konkreten hinaus und schafft Neues, eine abstrakte Vorstellung von der Welt.

Denken heißt Vergleichen“, so Walter Rathenau und wer das Gestern mit dem Heute vergleichen kann, stellt unweigerlich fest, dass sich die Dinge ändern. Er wird folgern, dass nichts so bleiben muss, wie es ist. Und er wird damit beginnen, Dinge zu erdenken, die Morgen sein könnten. Was heute noch unmöglich scheint wird vielleicht morgen so selbstverständlich und scheinbar unabänderlich sein, wie all das, was heute existiert.

2. Raum

Jede Population kann ihre Überlebenschancen optimieren. Unter anderem, indem sie ihren Aktionsradius ausweitet. Auch der Mensch beginnt, seine angestammte Umwelt zu verlassen. Er gewinnt dadurch eine Vorstellung von dem Raum, der ihn umgibt. Er begreift, dass neben seiner kleinen Welt noch andere Welten existieren. Von da an wird er seine Welt nicht mehr für die einzig existierende halten, sondern viele andere für möglich. Der Mensch beginnt, neue Ressourcen in unbekanntem Territorium zu erschließen. Das erhöht sein Risiko, auf Gefahren zu treffen. Seine Überlebenschance wächst mit der Fähigkeit, sich diese Orte vorzustellen. Als Orte, die Nahrung in Hülle und Fülle bieten, aber auch als solche, die ihn in Furcht und Schrecken versetzen und seine Existenz bedrohen. Erstmals gibt es Welten, die nur in der Vorstellung des Menschen existieren.

3. Zeitgeist

Jede Utopie entspringt dem Zeitgeist. Sie ist das Licht, das dem Schatten entspricht, von dem die Zeit geprägt ist, in der sie entsteht. Nahrung satt ist die Antwort auf Hunger und in Kriegszeiten entsteht der Wunsch nach Frieden. Je größer das Chaos, desto größer die Sehnsucht nach Struktur. Es ist also kein Wunder, dass viele Utopien in der Vergangenheit ein System anstrebten, das Sicherheit und Geborgenheit bot, territoriale und persönliche Grenzen schützte und ein planvolles soziales oder wirtschaftliches Leben und Handeln ermöglichte. Das gilt übrigens sogar für viele „progressive“ Konzepte wie zum Beispiel die sozialistischen Utopien oder Ernest Callenbachs „Ökotopia“.

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