Narziss und PsycheEitle Liebe – verliebt in einen Narzissten…

Manche Dinge hören nie auf. Die Liebe ist eines davon. Verliebt sein geht in jedem Alter – mit allem, was dazu gehört: Schmetterlingen im Bauch, Sehnsucht, Tagträumereien und schlaflosen Nächten. Verliebt sein ist ein bisschen wie betrunken sein: Wir sind nicht mehr ganz zurechnungsfähig, verlieren den Blick für die Realitäten. Die Welt erstrahlt in leuchtendem Rosarot. Das Wetter ist herrlich, selbst wenn es wie aus Kübeln regnet.

Eitel Sonnenschein

Wenn wir verliebt sind kreisen unsere Gedanken mindestens vier Stunden täglich um die/den Angebetete(n). Steckt man Verliebte in einen Kernspintomografen und konfrontiert sie dabei mit einem Bild des Liebsten, kann man sehen, dass nur noch jene Areale im Gehirn feuern, die für Lust und Belohnung zuständig sind. Wir befinden uns in einer Art Drogenrausch: Adrenalin- und Dopamin-Spiegel sind stark erhöht. Dafür stellen andere Bereiche im Gehirn ihre Aktivitäten praktisch ein. Zum Beispiel die, die für die kritische Beurteilung zuständig sind.

Alles ist wunderbar, irgendwie magisch und auf jeden Fall überirdisch. Eine Überdosis Dopamin kann tatsächlich dazu führen, dass wir die Bedeutung von Situationen falsch einschätzen und sogar halluzinieren. Unsere Objektivität kommt uns abhanden und es dauert eine ganze Weile, bis wir wieder zurechnungsfähig sind.

Böses Erwachen

Das Ende des Rauschzustands ist manchmal ernüchternd. Das Feuerwerk der Synapsen wird jäh beendet, wenn der Alltag einkehrt. In unseren Gehirnwindungen hat sich längst ein Bild vom anderen eingebrannt. Mit der Realität hat es jedoch mitunter wenig zu tun. Nicht Liebe macht blind, sondern Verliebtheit. Genauer: Unsere Erwartungen an das Objekt der Begierde. Deswegen endet so manche Liebesgeschichte, die als Märchen begonnen hat, in einem Alptraum. Waren im ersten Liebestaumel noch bühnenreife Gefühle und totale Verschmelzung angesagt, herrscht bald nur noch Frustration und Enttäuschung.

Unerfüllter Liebeshunger

Er hat sie auf Händen getragen und ihr die Welt auf einem fliegenden Teppich zu Füßen gelegt. Für ihr alltägliches Leben konnte er sich allerdings nicht erwärmen. Für ihre Menschen, ihre Interessen, ihre Sorgen und Nöte. Sie hielt sich bedeckt. Schließlich möchte man sich von der Zuckerseite zeigen. Sie verwöhnt ihn nach Kräften, schenkt ihm Zeit und Aufmerksamkeit. Dennoch scheint das Feuer mit jedem Tag ein wenig zu schwinden. Bis es eines Tages ganz erloschen ist und er sich wieder seinem eigenen Leben zuwendet. Und anderen Frauen.

Der einsame Wolf…

Der Alltag ist eingekehrt, der Lack abgeblättert. Die Bühne erstrahlt nicht mehr im Scheinwerferlicht. Der Himmel hat sich verdüstert, Regen ist wieder Regen. Der einsame Wolf langweilt sich. Schließlich sucht er nicht nach einer treuen, liebenden Partnerin. Er sucht nach sich selbst. Sein Leben ist ohnehin ein ewiges Sehnen und Suchen. Ein einziger verzweifelter Versuch, das große, dunkle Loch in seinem Innersten endlich mit Leben zu füllen. Doch die Leere ist bodenlos.

Rache und Vergeltung

Der fliegende Teppich ist abgestürzt - jäh auf dem knallharten Betonboden der Realität aufgeschlagen. Die schmählich Entliebte bitter enttäuscht. Der böse Wolf hat sie nur benützt und weggeworfen. Ist es da nicht nur allzu gerecht, ihn zu schlachten und in einem tiefen Brunnen zu versenken? Die anfängliche Euphorie schlägt um in Wut und Rachegelüste. Der Prinz, eben noch angehimmelt und vergöttert, wird von Sockel gestoßen und nach allen Regeln der Kunst demontiert.

Des Pudels Kern

Nichts ist so aufregend wie die Liebelei mit einem Narzissten. Doch er ist nicht der, der er zu sein vorgibt. Er ist weder selbstbewusst, noch souverän, nicht stark und auch nicht unabhängig. Kein stolzer Wolf, sondern nur ein begossener Pudel. Im Grunde bedauernswert. Aber auch der Partner beherrscht die Kunst der Camouflage und ist dabei nicht selten ein Wolf im Schafspelz. Auch ihm fehlt es an Selbstliebe, Selbstbewusstsein und echter Autonomie. Ihre Beziehung ist kaum mehr als ein Deal. Liebe ist dabei selten im Spiel. Es ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit, das durchaus funktionieren kann, wenn Geben und Nehmen sich die Waage halten.

Wenn allerdings einer von beiden die Regeln bricht, zum Beispiel indem er dem anderen nicht mehr gibt, was der so dringend benötigt wie Zuwendung, Aufmerksamkeit, Bewunderung – eben das, was viele leichthin für Liebe halten, bricht das fragile Konstrukt wie ein Kartenhaus in sich zusammen.