Der faule Schnick, Wilhelm Busch

Mut zur Faulheit – warum wir nicht immer aktiv sein müssen

Müßiggang ist aller Laster Anfang. So oder so ähnlich lauten die Sinnsprüche, die uns in der Kindheit eingetrichtert wurden. Auch in den alten Märchen werden die Fleißigen belohnt und die Faulen bestraft. Solche Gebote setzten sich so hartnäckig in unserem Köpfen fest, dass auch heute noch der, der einfach mal eine Zeitlang müßig ist, als unnütz gilt und von der Gesellschaft schnell als „Versager“ abgestempelt wird. Deswegen arbeiten viele Menschen lieber unglaublich hart daran, der Faulheit zu entrinnen. Und wenn es nur der reine Aktionismus ist, der sie auf Trab hält.

Muße – die Schwester der Freiheit

Irgendetwas tun ist schließlich besser als Nichtstun. Wir gönnen uns die Muße nicht. Die alten Philosophen wussten es besser: Dem Sokrates galt die Muße als die „Schwester der Freiheit“. Diogenes, der Philosoph in der Tonne, war demnach ein Musterexemplar an Tugend: er lebte und liebte den Müßiggang – und seine Freiheit.

Als Alexander der Große im Krieg gegen die Perser zum Oberfeldherren ernannt wurde, machten ihm alle Männer von Rang ihre Aufwartung. Nur Diogenes blieb fern. Also suchte Alexander den Philosophen auf. Der lag, wie fast immer, müßig in der Sonne. Alexander befragte ihn nach seinen Wünschen. Diogenes entgegnete schlicht:

Geh mir nur ein wenig aus der Sonne!“

Der griechische Feldherr soll daraufhin so beeindruckt von der Geisteshaltung des Diogenes gewesen sein, dass er spontan ausrief:

Wahrlich, wäre ich nicht Alexander, ich möchte wohl Diogenes sein!“

Beschleunigung bis zum Burnout

Muße und Müßiggang – das sind in unseren Ohren nur noch altmodische Worte. Ihre eigentliche Bedeutung ist uns schon beinahe abhandengekommen. Dabei haben sie die Geschichte der Menschheit weit stärker geprägt als die protestantische Arbeitsmoral, die erst mit der Neuzeit in Mode kam.

Spätestens seit der Industrialisierung galt es, wie ein Hamster im Laufrad zu strampeln - immer schneller. Der Fleiß war die Quelle des Wohlstandes und des Fortschritts. Es dauerte nicht lange, bis daraus Stress wurde. Eine Zeitlang galt es als schick und ehrenwert, gestresst zu sein. Dann wuchs sich die ständige Dauerbelastung zu einem bis dahin völlig unbekannten Phänomen mit verheerender Breitenwirkung aus: dem Burnout.

Dabei wurden doch viele wunderbare Dinge nur zu dem einen Zweck erfunden, nämlich uns zu entlasten und Zeit zu sparen. Und: Zeit zu gewinnen - Freizeit. Doch das Gegenteil war der Fall. Jede Erfindung, die zu einer Arbeitserleichterung führte, beschleunigte das Tempo der Gesellschaft weiter: der Buchdruck, das Automobil, die arbeitsteilige Fabrik, der Computer und das Internet.

Wir dürfen nicht einmal mehr in unserer Freizeit guten Gewissens faul sein. Ein Event jagt das andere und selbst im Urlaub ist Faulenzen verpönt. Man segelt und surft, spielt Golf oder Tennis, verausgabt sich beim Triathlon und klappert nebenbei noch im Zeitraffertempo alle Sehenswürdigkeiten vor Ort ab. Wenn dann schon mal gechillt wird, dann bitte irgendwie aktiv oder wenigstens kreativ.