Narzissmus

Hieronymus Bosch HölleDer Narziss und das wirkliche Leben

Genau genommen ist das Leben extrem banal. Das Faszinierendste am Leben überhaupt ist seine entsetzliche Banalität. Sie erinnern sich vielleicht dunkel an Sartres Hölle in „Geschlossene Gesellschaft“? Die Geschichte beschreibt in Kürze das Dasein des Narzissten: 

Es scheint, als seien die Protagonisten, drei Narzissten übrigens, auf ewig verdammt, miteinander in dieser Banalität ausharren zu müssen. Alle Türen zur Außenwelt sind verschlossen. Die Hauptdarsteller können weder voneinander lassen, noch voreinander fliehen. Ja, nicht einmal töten können sie sich, denn sie sind bereits tot. Ihre Hölle, das sind die anderen. Schließlich geht eine Tür auf. Aber sie verlassen den Raum nicht.

Warum?

Weil sie erkannt haben, dass hinter dieser Türe etwas lauert, das noch viel schlimmer ist als die Banalität ihrer Existenz. Das wirkliche Leben

Der Drama-Link

Das wirkliche Leben ist die Hölle. Es besteht im Prinzip aus Schlafen, Essen und Arbeiten, Essen, Schlafen und Arbeiten etc. In beliebiger Reihenfolge. Manche Menschen können sogar ganz ohne Arbeit auskommen. Echte Narzissten halten diesen paradiesischen Zustand allerdings keine drei Tage am Stück aus ohne in Depressionen zu verfallen. Daher haben sie einen kleinen, aber überaus effektiven Trick gefunden, sich die Banalität ein wenig zu versüßen. Sie haben so eine Art dramatischen Link im Kopf: Wenn das Leben allzu banal wird, biegen sie sich die Realität einfach ein wenig zurecht. Das ist fast ein bisschen wie Zaubern.

Das Leben normaler Menschen ist ja schon entsetzlich banal, aber das Leben der Narzissten ist das, was bei Sartre hinter der Türe lauert: Das namenlose Grauen. Der Narziss erreicht das innere Gleichgewicht nur, wenn sich das Gefühl "ich bin wichtig" einstellt. Doch angesichts der Banalität des wirklichen Lebens ist dieser Zustand selten von Dauer und kommt meist nur der Funktion eines Menschen oder seinem Reichtum zu, eher selten seinem Können oder seiner Persönlichkeit.

Kosten Nutzen KalkulationEin Quantum Anerkennung

Nun sucht ja bekanntlich jeder mehr oder weniger bewusst nach kleinen Indizien der Anerkennung bei anderen Menschen, doch beim Narzissten gibt es zwei gravierende Unterschiede:

Der eine betrifft die Quantität. Gewöhnliche Menschen gestehen sich ein maßvolles Quantum an Anerkennung zu. Zu viel davon wird eher als belastend empfunden und vermieden. Der Narziss ist dagegen so etwas wie das psychische Äquivalent zum Alkoholiker: Er stürzt sich wie ein Besessener auf jedes lustvolle Schlückchen, dürstet aber auch nach drei Flaschen Anerkennung fortwährend weiter, weil sein Verlangen schier unersättlich ist.

Kosten-Nutzen-Kalkulation

Der zweite Unterschied ist der Pragmatismus des Narzissten: Eine Existenzberechtigung besitzt ausschließlich, was oder wer ihm nützlich erscheint. Jede seiner Entscheidungen ist einer strikten Kosten-Nutzen-Kalkulation unterworfen. Das gilt selbstverständlich auch für jene Entscheidungen, die seine zwischenmenschlichen Beziehungen betreffen. Denn auch Menschen sind in seinem Konzept nun einmal lediglich Instrumente zur Befriedigung seiner Bedürfnisse und Interessen.

Narzisstische Profitorientierung

Was nicht umgehend Profit abwirft, wird verworfen. Außer vielleicht, es verspricht nach einer gewissen überschaubaren Investition Profit. Profit ist im Kalkül des Narzissten alles, was sein Ansehen steigert, seinen Reichtum mehrt und ihm Anerkennung und Zuwendung verschafft.

Schein ist dabei definitiv mehr als Sein. Er weiß auch nur solche Werte wirklich zu schätzen, die entweder einen handfesten materiellen Gegenwert besitzen oder sein Image verbessern. Echte Befriedigung verspürt der Narziss nur dann, wenn er noch erfolgreicher ist als andere. Aber auch dann nur ganz kurz. Jedenfalls zu kurz, um jemals wirklich so etwas wie Zufriedenheit zu erlangen.

Wenn Sie also irgendetwas dem guten Willen des Narzissten überlassen, wird er Sie garantiert gnadenlos über den Tisch ziehen und sei es nur wegen des Kicks. Er braucht dieses Glückskitzeln in seiner Gehirnrinde. Nur das verschafft ihm tiefe, innere Befriedigung. Zumindest für einen kurzen, glücklichen Augenblick in seinem Leben.

Wichtig!Der Narziss und seine Bedürfnisse

Der Narzissten findet es tröstlich zu wissen, dass der kosmische Maßstab das einzige ist, was bei allen Widrigkeiten da draußen wirklich zählt. Das Alltägliche, das wirkliche Leben, die lästigen Routine der kleinen Menschenwelt - diese Dinge sind nicht nur vollkommen ohne Bedeutung, sondern meistens sogar einfach nur hinderlich. Weil sie vom Wesentlichen ablenken. Denn unter dem Strich zählt nur eines:

Der Narziss ist ein Wohltäter der Menschheit und verdient daher eine einzigartige Behandlung!

Aber was ist denn nun die eigentliche Mission des Narzissten in der Welt? Hinter all dem Gedöns? Nun, er möchte sich einfach nur dauernd und immer wieder vergewissern, dass das Bild, das er sich in jahrelanger Kleinarbeit von sich selbst gebastelt hat, auch wirklich stimmt. Dazu braucht er Menschen, die ihm fortwährend bestätigen, was er im Grunde ohnehin weiß:

"Ich bin wichtig, mächtig und toll und außerdem sehr besonders!“

Ich bin wichtig!

Der Narziss behauptet immer wieder gerne im Brustton der Überzeugung von sich, dass er wie ein ganz gewöhnlicher Mensch behandelt werden möchte. Wenn das allerdings tatsächlich der Fall ist, bereitet es ihm ganz außerordentliches Unbehagen. In Wirklichkeit geht er nämlich vollkommen selbstverständlich davon aus, dass ihm aufgrund seiner Besonderheit eine einzigartige Behandlung und gewisse Sonderrechte zustehen. Er legt daher auch großen Wert darauf, nur von handverlesenen Spitzenexperten beraten, betreut, behandelt und bedient zu werden. Und zwar persönlich. Ganz gleich, ob Produzent, Rechtsanwalt, Arzt, Chefkoch oder Papst.

Sollte ihn sein Gegenüber enttäuschen oder frustrieren (was für gewöhnlich nicht von dessen Kompetenz oder der Qualität der Leistung abhängt, sondern von Tagesform und Laune des Narzissten) wird der (vermeintliche) Experte, den er soeben noch als Halbgott verehrt hat, ohne großes Federlesen von seinem Podest gestoßen und verliert seinen Ruf im freien Fall.

LogikDer Narziss - Genius und Inkarnation des Weltengeistes

Der Narziss ist berufen. Ein Auserwählter. Jedes noch so winzige Molekül seiner Existenz, ja, einfach alles was er tut (oder lässt), jede seiner Lebensäußerungen, seine Schöpfung an sich, die Komposition des Gesamtkunstwerks, das sein Leben darstellt, und überhaupt jeder seiner noch so banalen Gedanken - das alles ist durch und durch durchdrungen von universeller Bedeutung.

Getragen von seiner Mission erklimmt er die Stufen auf der Leiter des Ruhms durch Leistung, Perfektion und Brillanz. Alles ist Teil des großen Wurfs, des kosmischen Konzepts, des Drehbuchs, das ihn unweigerlich Schritt für Schritt der Erfüllung seiner Lebensaufgabe näher bringt.

Sein Leben - ein Gesamtkunstwerk

Die Mission des Narzissten rechtfertigt selbstverständlich die Anwendung sämtlicher ihm zur Verfügung stehenden Mittel. Auch Rechtsbeugung und Korruption. Als Genius und
Inkarnation des Weltengeistes besitzt er nämlich das natürliche Recht, alles für sich zu vereinnahmen und zu beanspruchen.

Sein Verhältnis zu Besitz und Eigentum (auch dem an Menschen) ist aus der Perspektive Normalsterblicher mitunter, nun, sagen wir mal - schwer nachvollziehbar. Was aber schlicht daran liegt, dass es Normalsterblichen am grandiosen Weitblick und an der Vorstellungskraft für die wirklich essentiellen Dinge des Lebens gänzlich ermangelt.

Logik - aus Sicht des Narzissten

Der Narziss ist zweifellos ein Rationalist. Ein Pragmatiker. In seiner Logik beinahe unschlagbar. Wenn sich nur seine eitle Logik nicht immer wieder selbst vereiteln würde. Denn leider kommt ihm die Peilung unterwegs gelegentlich abhanden. Weil seine Schlüsse nicht selten auf reinem Aberglauben und blinden Vorurteilen beruhen.

Da wird jede noch so kleine Widrigkeit plötzlich zum verhängnisvollen Omen und jede Anfeindung, sei sie auch nur vermutet, zur Verschwörung. Alle anderen haben selbstverständlich nur ein Ziel, nämlich seine Anstrengungen zu obstruieren. Da kann schon eine Fliege an der Wand zu explosiven Wutausbrüchen führen und ein kleiner Rückschlag gar zu einer möglicherweise apokalyptischen Katastrophe.

der kosmische PlanDer Narziss ist auserwählt

Sam Vaknin ist der Prototyp. Hauptsächlich wegen seiner außergewöhnlichen Persönlichkeitsstruktur. Aber auch deswegen, weil er nach eigenem Bekunden nichts weniger als "eine kosmische Mission auf Erden“ erfüllt. Das ist eben nun einmal, bei aller Bescheidenheit, die Berufung des Narzissten: Er ist schlicht auserwählt. Von einer wie auch immer gearteten kosmischen Entität. Gott? QAnon? Näheres ist nicht bekannt. Aus diesem Grund gibt sie auch eine grandiose Projektionsfläche für jede ganz individuelle Heilsvorstellung ab.

Der Narziss wird jedenfalls mit großer Wahrscheinlichkeit zu den 144.000 Auserwählten gehören, die dereinst gerettet werden. Kurz vor dem endgültigen Untergang der Erde. Von einer in Kreuzformation heran eilenden Flotte von Raumschiffen der Santiner vom Planeten Alpha Zentauri. Das ist nur wenigen handverlesenen Menschen vorbehalten. Insbesondere jenen, die als so genannte Evolutions-Agenten die Evolution voran gebracht haben. Nur sie verdienen es, weiter zu existieren. Die Santiner-Theorie stammt ausnahmsweise nicht von Vaknin, sondern geistert schon seit jeher in der Esoterik-Szene herum. Einer Szene übrigens, in der sich Berufene und Auserwählte außerordentlich gerne tummeln. Weil ihre absonderlichen Botschaften dort auf goldenen Boden fallen.

Alle anderen Erdenbürger sind dann dem sicheren Untergang geweiht. Das ist bedauerlich, interessiert aber niemanden wirklich, weil sie ohnehin viel zu unbedeutend sind. Nur wirklich grandiose Biografien kommen in den Genuss der Anwartschaft auf Teilhabe am Weltkulturerbe

Der große Plan

Diese kosmische Entität hat jedenfalls einen großen Plan, so Vaknin. Sie entwirft so eine Art Drehbuch für das Erdendasein der wenigen Auserwählten. Dieses Drehbuch hat die Tendenz, sich während der gesamte Lebensspanne des Narzissten immer weiter zu verdichten. Das alleine ist doch wohl schon Grund genug dafür, das Leben und Wirken des Narzissten mit der gebotenen Ernsthaftigkeit zu betrachten.

Es sei nur am Rande erwähnt, dass die Funktion und Daseinsberechtigung dieser kosmischen Entität im Gedankengebäude des Narzissten lediglich darin besteht, ihm selbst zu der Bedeutung zu verhelfen, die ihm naturgemäß zusteht. Es wäre jetzt wirklich sophistisch, kleinlich und unverzeihlich engstirnig, zu erwähnen, dass wir uns hier in einem grandiosen Zirkelschluss bewegen.

Spacex MissionDer Narziss hat eine Mission...

Der Weg dorthin ist steinig und mit unzähligen und unsäglichen Fettnäpfen gepflastert, in die der Narziss auf beinahe jedem offiziellen Anlass hinein springt, von denen er geradezu magisch (oder magnetisch?) angezogen wird. Gleichzeitig hechelt ein ganzer Stab hilfloser PR-Agenten atemlos hinter ihm her, um sich immer neue, fadenscheinige Erklärungen für seine peinlichen Fehlleistungen auszudenken. Es ist jedoch vollkommen unmöglich, alle Fettnäpfe vorherzusehen, in die ein Narziss springen kann.

Noch unmöglicher ist es allerdings, den Narzissten direkt darauf hinzuweisen, dass er sich gerade ganz arg daneben benimmt. Von seinen Beratern traut sich das jedenfalls keiner.

... kosmischen Ausmaßes

Diese Idee zu diesem Kapitel stammt bedauerlicherweise nicht von mir, sondern von einem der wenigen real existierenden Narzissten, die sich zu ihrem hochgradigen Narzissmus bekennen: Sam Vaknin. Ihm gebühren dafür zahlreiche Pluspunkte und unsere neidlose Anerkennung (vermutlich ein hinreichendes Motiv für sein selbstloses Outing).

Vaknin, der sich selbst als "Psychopath" bezeichnet, ist sozusagen der Prototyp des Hardcore-Narzissten und er ist stolz darauf.

Sam Vaknin hat eine Berufung: Die Menschheit muss über das Innenleben von Sam Vaknin aufgeklärt werden. Dieses Ziel verfolgt er absolut humorlos und mit missionarischem Eifer. Zum Beispiel indem er das Internet zutextet und die ganze Welt mit Büchern und Videos beglückt, die sich nur einem Gegenstand widmen: Seinem eigenen einzigartigen und denkwürdigen Seelenzustand. Das Studium der Selbst-Reflektionen eines Narzissten erfordert ein gewisses Maß an Masochismus, ist aber unbenommen aufschlussreicher als jedes Lehrbuch. Selbst wenn sie ihn, wie sollte es auch anders sein, nicht ansatzweise dazu veranlassen, sich selbst und sein Verhalten in Frage stellen oder gar zu ändern.

napoleon bonaparte kaiser der franzosen Narzisstische Politiker

In jedem von uns steckt ein kleiner Weltverbesserer. Eigentlich wissen wir doch alle, wie es geht. Es wäre im Grunde ziemlich einfach. Wenn wir nur an der Macht wären. Aber den Machiavelli haben wir schon mal drauf. Im Vergleich mit echten Narzissten sind wir jedoch ziemlich kleine Lichter. Der Narziss ist nicht nur viel wichtiger als unsereins, sondern vor allem berühmt-berüchtigt für eitle Eskapaden jenseits jeglichen guten Geschmacks.

Kleiner-Mann-Syndrom

Gerade unter den Regierungsoberhäuptern dieser Welt treffen wir sehr häufig auf einen Prototyp, der schon im alten Rom von sich reden machte: Den Narzissten, der nicht nur aufgrund seiner gefühlten Minderwertigkeit nach Großem strebt, sondern weil er tatsächlich von Natur aus ein wenig zu kurz gekommen ist. Das Phänomen ist auch als "Kleiner-Mann-Syndrom" bekannt. Hier muss jeder Zentimeter einzeln kompensiert werden. Der kleine Narziss ist erst zufrieden, wenn er unter dem Beinamen "der Große" in die Geschichte eingeht. Auch wenn das bedeutet, dass er mit sämtlichen über Jahrhunderte hinweg verbrieften Regeln der politischen Diplomatie brechen muss. Selbst mit denen, die bis dahin von allen Oberaffen, Häuptlingen, Kaisern und Päpsten in Ausübung der höchsten politischen Funktionen strikt eingehalten wurden, um die Würde des Amtes nicht zu gefährden.

Wir sprechen jetzt nicht davon, dass sich Politiker heutzutage die Falten auf Wahlplakaten wegretuschieren lassen, um mit über 70 immer noch einen auf jugendlicher Gigolo zu machen. Oder darüber, dass sie ihre Haare färben oder Mieder mit Popo-Push-Ups unter den auf ihre nicht vorhandene Taille geschnittenen Hosenanzügen von der Stange tragen. Das geht schließlich alles noch unter der Rubrik "eitle Macken" durch, die man für gewöhnlich unter "allzu menschlich und vollkommen harmlos" verbuchen kann. Ein bisschen narzisstisch sind wir schließlich alle...

Komet Donati ueber VenedigNichts Großes wird ohne Narzissten vollbracht

Alle Narzissten, selbst jene, die ein bisschen wissenschaftlich angehaucht sind, haben eines gemeinsam: Sie berufen sich auf höhere Instanzen. Auf göttliche Inspiration oder andere namhafte Autoritäten. Auf (angeblich) fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse, auf mehr oder weniger solide Erfahrungswerte oder auch einfach auf ihr ganz persönliches Charisma und ihre Berufung. Und sie haben noch eine Gemeinsamkeit:

Narzissten können ihren eigenen Wert oder den ihrer Zunft offenbar nur durch einen faulen Kompromiss behaupten: Nämlich, indem sie die Fehler, die sie zwangsläufig begehen, weil sie nämlich wider Erwarten auch nur Menschen sind, nach allen Regeln der Kunst vertuschen.

Charisma und Berufung

Der Narziss ist jedenfalls überwiegend in solchen Berufsgruppen anzutreffen, die mit Macht und Reichtum, großem Ansehen und einer einzigartigen Mission einhergehen. Er ist der geborene Entertainer und läuft im Grunde erst richtig zur Hochform auf, wenn er in seine Robe schlüpft. Oder eben in jede andere Uniform, die seiner Berufung Nachdruck verleiht.

Man trifft den Narzissten für gewöhnlich auf den Show-Bühnen dieser Welt, in den Politischen Zirkeln, Sportstadien und Kampfarenen rund um den Globus an. Er glänzt überhaupt überall dort, wo Hauen und Stechen angesagt ist. In Aufsichtsräten und Finanzzentren, in Kathedralen und Medienhäusern sowie in den Hauptquartieren von Regierungen und Militär. In höchsten
diplomatischen Kreisen und sehr geheimen Zirkeln. In Guerillabewegungen und in der Mafia.

Er kreist wie ein Komet am Horizont unseres Planeten und zieht in seinem Schweif zahllose Wichtigtuer und Adlaten, Stars und Sternchen hinter sich her. Und gelegentlich stürzen Kometen eben auch mal ab. Mitsamt allem Gedöns hintendran.
Weltwunder, Kriege oder Finanzkrisen - nichts Großes wurde (und wird) ohne Narzissten vollbracht...

NeroDer Narziss und die déformation professionnelle

Überall, wo Leistung mit Ruhm und Ehre, Macht und Geld honoriert wird, läuft der Narziss zur Hochform auf. Weniger um der Sache selbst willen, als um mit Glanz und Gloria zu brillieren. Viele Berufe sind für ihn vor allem deswegen so attraktiv, weil sie ihm so mannigfaltige Möglichkeiten bieten, Pluspunkte zu sammeln und somit auf seine ganz persönlichen Kosten zu kommen. Sie werden umso attraktiver, je mehr sie im Ruch von Altruismus stehen. Und bei jedem dieser Berufe stellt sich die Frage: Was war eigentlich zuerst - die Henne oder das Ei? Also:

Haben die Narzissten den Job erfunden, weil sie mächtig und wichtig sein wollten oder war er deswegen so attraktiv, weil die Funktion einfach irgendwie notwendig für das Zusammenleben von Menschen war und ihre Ausübung Macht und Bedeutung verhieß?

Deformierter oder Deformator?

Wie dem auch sei. Auch wir kennen die Antwort nicht. Die Deformation wird jedenfalls meistens schon in die Profession mitgebracht und ist die Profession selbst erst einmal deformiert, wird sie fürderhin umso attraktiver für Narzissten. Wie es der Zufall will handelt sich bei vielen dieser Berufe um solche, die einen beträchtlichen Spielraum für Interpretationen zulassen. Wie zum Beispiel all jene, die sich mit höheren geistigen Sphären befassen. Diese entziehen sich eben nun einmal der wissenschaftlichen Analyse und sei es auch nur in ihren Teilbereichen. Also praktisch alle, die den Menschen betreffen. Außerdem sind ja auch die Wissenschaften ihrer Natur nach ziemlich relativ.

Aber einige Metiers sind eben besonders ganz relativ und damit für den Narzissten umso attraktiver: Seelsorge, Pädagogik, Therapie und Medizin zum Beispiel. Sowie all jene Berufe, die über die Spielregeln des Zusammenlebens entscheiden oder qua Profession sozusagen darüber erhaben sind wie Politiker, Richter, Anwälte und Professoren. Und ganz speziell natürlich diejenigen, die sich sowohl den allgemein üblichen Spielregeln als auch der Wissenschaft vollständig entziehen wie zum Beispiel Künstler, selbst ernannte Gurus, Propheten und Wunderwirkende jeglicher Couleur.

170px Tutanchamun MaskeNarzissten lieben das Erhabene

Narzissten lieben Berufe mit schönen Fassaden: repräsentative Ornate, weiße Kittel und Nadelstreifenanzüge, prunkvolle Kathedralen mit barockem Interieur und eindrucksvollen Glasfassaden. Kurzum diesen aristokratisch-elitären Flair, mit dem sich die Mächtigen dieser Welt seit Menschengedenken so gerne umgeben. Er hat ein ausgesprochenes Faible für Emporen aller Art, jedenfalls so lange er selbst zu den Erhöhten gehört. Dafür stellt der Narziss gerne einiges hinten an. Zum Beispiel in Ausübung der Profession eines Priesters. Denn dieser erhebt sich über den Rest des gemeinen Volkes, wie es dem Narzissten nun einmal gebührt. Und er ist dabei auch noch von einer ganz besonderen göttlichen Aura umgeben. Ein Kommunikator zwischen Diesseits und Jenseits von Gottes Gnaden.

Religiöse Lehrsätze sind seine Spezialität, besonders wenn sie vor der Vernunft vollkommen unhaltbar sind und dem gesunden Menschenverstand total zuwider laufen. Denn wenn sich die Gläubigen dann heillos in diesem Labyrinth verirrt haben, ist der geistige Führer der einzige, der den Ausweg kennt.

Auf der Karriereleiter in Richtung Gottähnlichkeit

Der vom Allmächtigen selbst berufene Narziss opfert willig alle weltlichen Bedürfnisse. Er selbst glaubt zumindest ganz fest daran. Der jeweils zuständigen (und im Gegensatz zum Narzissten beinahe beliebig austauschbaren) Gottheit auf Erden ist er als Stellvertreter auf seinem der Wirklichkeit entrückten Posten aber allemal näher als dem Volk und damit auf der Karriereleiter in Richtung Gottähnlichkeit schon einen beträchtlichen Schritt weiter gekommen. Denn letztendlich ist auch der liebe Gott nur eine Figur auf dem narzisstischen Schachbrett. Da kann man schon mal vergessen, dass man auch nur ein Mensch ist, der in Ausübung seines Amtes gelegentlich über den eigenen Schatten stolpert. Denn den hat er ja nun an der Garderobe zum Priestertum abgegeben. Eigentlich.

Es nimmt kein Wunder, dass die bösen Heimsuchungen aus der Schattenwelt rein zufällig in unmittelbarer Relation zu der zur Schau gestellten Frömmigkeit stehen. Denn irgendwo brechen sich diese gottverdammten weltlichen Bedürfnisse halt doch wieder Bahn und mitunter platzt das göttliche Ventil.

narzisstischer ChefNarzisstische Berufswahl

Narzisstische Kollegen sind nur schwer zu ertragen. Dies gilt in potenzierter Weise für Narzissten in Chefetagen. Es ist dabei für deren Mitarbeiter meist wenig tröstlich zu wissen, dass echte Narzissten mieses Karma haben. Weil sie komplett unfähig zu uneigennützigem Handeln sind. Es kann zwar durchaus vorkommen, dass Narzissten (vordergründig) uneigennützig handeln. Viel wahrscheinlicher ist es aber, dass sich der Narziss aus pragmatischen Erwägungen erfolgreich die Fassade des selbstlosen Altruisten überstülpt. Denn auch das ist letztlich nur eine besondere Spielart des narzisstischen Gutmenschen - das grandiose Überhelfertum.

Diese Facette zeichnet sich vor allem durch ungeheuerliche Bescheidenheit bis hin zur Nichtexistenz und einer Fürsorglichkeit aus, die sich vor allem dadurch hervor tut, dass eigentlich niemand darum gebeten hat. Der wohltäterische Narziss findet für sämtliche niemals erbetenen Hilfs- und Rettungsaktionen stets wirklich gute Gründe, die auf den ersten Blick sogar vernünftig erscheinen. Es macht die Sache nicht viel besser, dass er selbst an diese guten Gründe glaubt. Würde er etwa jemandem helfen, nur um ihn zu manipulieren? Ein absurder Gedanke!

Gib, damit dir gegeben wird
Diese (beinahe) vollkommene Selbstlosigkeit reicht bis hin zur Selbstaufopferung. Jedoch, wie durch Zauberhand, kommt ihm wieder einmal alles, was er ja eigentlich für andere tut, vor allem selbst zu Gute. Meistens jedenfalls. Denn auch der Narziss ist nicht vor grandiosen Fehlentscheidungen gefeit, schon weil er generell dazu neigt, die Realitäten fatal zu verkennen.

Allmächtig, unfehlbar und in seiner Art wirklich einzigartig

So wurde schon manch einer nach einem entbehrungsreichen und aufopferungsvollen Leben aus tiefster Nächstenliebe weit emporgehoben über den Rest der Menschheit. Ich sage nur: Mutter Theresa! Das funktionierte aber nur, wenn das Leben dieses engelsgleichen Wesens noch entbehrungsreicher und noch aufopferungsvoller war, als das aller bisher bekannten Altruisten und Wohltäter der Menschheit. Und wenn man es irgendwie schaffte, damit die Aufmerksamkeit der entscheidenden Instanzen auf sich zu ziehen. Das gab einen satten Bonus auf dem Pluspunkte-Konto. Zum Beispiel durch Heiligsprechung. Man bekam dafür einen Platz an der Sonne. Direkt neben dem lieben Gott. Denn der ist sozusagen die Ikone aller Narzissten - allmächtig, unfehlbar und in seiner Art wirklich einzigartig.

Die Heiligsprechung war nämlich früher in etwa das, was heute der Oskar ist. Eine enorm hohe Auszeichnung, die aber damals bedauerlicherweise meistens erst postum erfolgte. Zu lange, um darauf zu warten, wie Narzissten heute finden. Deswegen sind grandiose Altruisten und Wohltäter der Menschheit auch sehr selten geworden.

Zwickmühle SchachDie narzisstische Zwickmühle

Immer dann, wenn Ungemach droht und der Narziss sich angegriffen oder auch nur unzureichend wertgeschätzt fühlt, manövriert er seine Widersacher in verzwickte Situationen. Wenn er Sie in der Zwickmühle hat, haben Sie die Wahl zwischen Teufel und Beelzebub:

Entweder Sie begeben sich in den Rechtfertigungs-Modus: Sie erklären, dass alles ganz anders gemeint war. Oder Sie wählen den Konflikt-Eskalations-Modus: Sie beharren darauf, dass er Sie missverstanden hat. Am besten, Sie wählen jetzt die am wenigsten falsche Möglichkeit. Oder noch besser: Suchen Sie möglichst geräuscharm das Weite und begeben Sie sich erst wieder in seinen Radius, wenn er ein neuen Wirkungskreis gefunden hat. Was Gott sei dank meistens ziemlich schnell der Fall ist.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie gründlich einen der Narziss missverstehen kann, wenn er das möchte. Er will es ja nicht wirklich, aber manchmal macht es eben einfach Klick in seinem Kopf. Und dann genügt schon ein einziges falsches Wort, ein irritierender Blick, ein schiefes Lächeln, um in Teufels Küche zu kommen. Versuchen Sie also gar nicht erst, sich da wieder heraus zu winden.

Immer auf der Gewinnerseite

Wenn Sie nämlich beabsichtigen, ein rationales Gespräch mit ihm zu führen, kommt er garantiert auf Emotionen zu sprechen. Wollen Sie aber über Gefühle reden, verabschiedet sich der Narziss elegant auf das sichere Terrain der Rationalität. Irgendwie schafft er es jedenfalls immer, am Schluss aus Gewinner aus einer Auseinandersetzung heraus zu gehen, die im Grunde niemals zu Stande gekommen ist.

Sollte es Ihnen doch einmal gelingen, den Narziss in die Ecke zu drängen, hat er immer noch ein vollkommen entwaffnendes Manöver auf der Rückhand: Er wird Ihnen einfach vorwerfen, dass Sie ihn allzu sehr idealisiert haben. Er sei schließlich auch nur ein Mensch. Ist es etwa seine Schuld, dass Sie ihn so verkennen? Und im Zweifelsfall hat er selbst für seine Konfliktscheu noch einen guten Konter in petto: Es ist nämlich so, dass er das rationale Gespräch bevorzugt und emotionale Gefechte verabscheut, während Sie den Streit ja ganz offensichtlich regelrecht suchen und von vorne herein auf Krawall gebürstet sind.

Schuld sind immer die anderen...

Sieht er seine Felle davon schwimmen, könnte sich der Narziss im Extremfall sogar dahin versteigen, zu beteuern, wie sehr er auf Ihre Liebe und Ihr Verständnis angewiesen ist. Aber nun, da er sich dessen nicht mehr so gewiss sein könne, hätte er ja keinen Grund mehr, sich zu ändern. Mit unabsehbaren Konsequenzen, die nun wiederum alleine von Ihrem Wohlverhalten abhängen...