Narzissmus

spiderman 2478977 640Was man von Narzissten lernen kann

Auf den ersten Blick würde wohl jeder vernünftige Normalsterbliche spontan behaupten:

Rein gar nichts.

Jedenfalls nichts, was irgendwie zwischenmenschlich von Erfolg gekrönt ist, schon gar nicht langfristig.

Das ist aber nicht ganz richtig, denn der Narziss lehrt uns beispielsweise das perfekte Styling für jede Bühne dieses Lebens. Nehmen Sie zum Beispiel jenen stadtbekannten ungarischen Geiger vom Staatstheater, inzwischen schon ziemlich in die Jahre gekommen, aber immer noch von ansehnlicher Figur. Er betritt selbst das öffentliche Schwimmbad nur dramaturgisch wohldurchdacht: Seine denkbar knapp sitzende signalrote Badehose beschert ihm garantiert die ungeteilte Aufmerksamkeit aller anderen Badegäste. Den Applaus kann er dank jahrzehntelangem Training auch im Geiste simulieren. Nein, der Narziss stellt sein Licht niemals unter den Scheffel!

Lernen von Narzissten

  1. Viele eher etwas zurückhaltende Menschen neigen dazu, sich in der zweiten oder dritten Reihe zu verstecken. Wenn Sie im Leben vorankommen wollen, werden sie aber nicht umhin kommen, eine der obersten Narzissten-Regeln zu befolgen: Quetschen Sie sich immer in die erste Reihe, auch wenn Sie nötigenfalls jemanden rausschubsen müssen.

  2. Wenn Sie an einem Meeting teilnehmen, heben Sie immer im passenden Augenblick sofort die Hand. Selbst dann, wenn der Redner noch gar nicht zu Ende gesprochen hat. Auf jeden Fall aber, bevor es ein anderer tut. Auch wenn Sie noch gar nicht wissen, was Sie eigentlich sagen sollen. Kurzum: Üben Sie sich im Impressions-Management. Machen Sie unheimlich Wind. Lassen Sie bedeutungsvolle Namen fallen und wenn Ihnen gar nichts mehr einfällt, dann tun Sie einfach sehr geheimnisvoll.

  3. Sollte Ihnen wider Erwarten doch einmal ein Fehler unterlaufen und irgendjemand es wagen, das auch noch anzusprechen, machen Sie sich auf keinen Fall kleiner, als Sie sind! Sprechen Sie von einem "bedauernswerten Missverständnis". Auf diese Weise schieben Sie Ihrem Gegenüber elegant ein kleines Stück Mitschuld in die Schuhe. Wenn er auch nur einen Funken Anstand besitzt, wird er in Zukunft tunlichst seinen Mund halten.

  4. Es gibt Probleme? Machen Sie es wie der Narziss. Ignorieren Sie diese. Irgendjemand wird sich schon darum kümmern. Sitzen Sie es einfach aus. Lassen Sie jegliche Kritik an sich abperlen. Achtsamkeit und Mitgefühl? Weichspültabletten für Waschlappen! So lange Sie nichts merken, kann Ihnen auch keiner was.

Freud SofaIst der Narziss therapierbar?

Gewöhnliche Menschen kann man bis zu einem gewissen Grad vor sich selbst beschützen. Nicht so den Narziss. Das wirkliche Leben bietet zwar mannigfaltige Möglichkeiten, sich weiter zu entwickeln. Der Narziss nutzt keine von ihnen.

Der Narziss möchte nicht geholfen werden. Beratung ist was für Normalsterbliche. Er weiß, wie das Leben geht. Therapie? Er ist doch nicht krank! Also benötigt er auch keine Heilung. Er hat ja schließlich keinen Leidensdruck. Den haben nur die anderen. Der Narziss besteht bestenfalls darauf, dass man seine hypochondrischen Zipperlein lindert und gegebenenfalls anfallende körperliche Defekte wie zum Beispiel das Altern repariert.

Nun kann es aber manchmal doch vorkommen, dass ihm aufgrund seiner unverträglichen Persönlichkeitsstruktur sein soziales Umfeld und sein Broterwerb abhanden kommen. Das bereitet ihm dann ab einem gewissen Alter doch gewisse Sorgen. Um nicht zu sagen: P A N I K !

Wenn das Lebenselixier versiegt...

Altern führt zu einer defizitären Situation in Bezug auf sein Lebenselixier: Der beständig plätschernde Quell narzisstischer Bedürfnisbefriedigung droht zu versiegen. Dann (und nur dann) kann es durchaus passieren, dass sich der Narziss dazu durchringt, in den Reparatur-Modus zu gehen. Allerdings nur bei wirklich ausgewiesenen Koryphäen. Selbst im Angesicht größter Verzweiflung ist das Beste für ihn gerade gut genug.

Jedenfalls so lange, bis die ausgewiesene Koryphäe am Lack des Narzissten kratzt. Denn der wittert potenzielle Angriffe auf seine Person nun einmal drei Meilen gegen den Wind. Selbst dann, wenn das Gegenüber gar nichts dergleichen im Schilde führt. Der Narziss ist sich selbst sein bester Feind und Kritiker. Auch wenn er das nicht merkt, sondern alle seine bösen Gedanken grundsätzlich den anderen in die Schuhe schiebt.

Für die Koryphäe ist das jedoch nicht weiter tragisch, denn der echte Narziss ist ohnehin irreparabel. Die Koryphäe kann sich also mit gutem Gewissen zurück lehnen, aus dem Fenster gucken und Däumchen drehen. Es würde im besten Fall ohnehin nur auf ein paar optische Korrekturen an der Fassade hinaus laufen. Ohne eine ordentliche Portion Narzissmus wäre der Job einer Koryphäe übrigens gar nicht auszuhalten...

All is Vanity So vergeht der Ruhm der Welt (und der Narziss mit ihr)...

Mit zunehmendem Alter lässt jedoch die Strahlkraft des Narzissten entschieden nach, es sei denn er ist reich, mächtig und wichtig. Dann lässt seine Strahlkraft zwar auch nach, aber nicht die seines Amtes, seiner Macht oder seines Geldes. Das liegt vor allem daran, dass seine normal sterblichen Mitmenschen ihm Gegensatz zu ihm an Lebenserfahrung gewinnen und sich vom äußeren Glanz des Narzissten nicht mehr im gleichen Maße blenden lassen.

Außerdem sind selbst Narzissten einem gewissen Alterungsprozess unterworfen, auch wenn sie das für gewöhnlich hartnäckig bestreiten und mit allen nur erdenklichen Mitteln gegen die Zeit arbeiten. Aber leider ist bis heute kein einziger Fall bekannt, in dem Botox und Skalpell zu mehr Seelenheil und Charisma beigetragen hätten.

Das Leben ist nicht lustig!

Der Narziss ist zwar eher sehr selten wirklich zufrieden mit dem Leben, aber das ist für ihn noch lange kein Grund, sich selbst zu hinterfragen. Weil ja für alles, was schief läuft, ohnehin immer die anderen verantwortlich sind. Obwohl der Narziss anderen grundsätzlich unterstellt, dass sie ihn beneiden, weil er so toll ist, ist sein Leben nicht wirklich besser oder gar lustiger als das gewöhnlicher Menschen. Nur eben sehr viel anstrengender. Er muss nämlich nicht nur permanent so tun, als hätte er jede Menge Spaß darin (auf jeden Fall mehr als alle anderen), sondern er muss auch irgendwie dafür sorgen, dass alle anderen glauben, er hätte auf jeden Fall mehr Spaß darin. Und es ist außerdem verdammt mühselig, wenn man sein Ego dauernd päppeln und sich ständig selbst beweisen muss, dass man ein wertvoller Mensch ist.

Der einzige Vorteil seines Lebens besteht eigentlich darin, dass er im Grunde ein sorgenfreies Leben führen könnte, weil er sich schon aufgrund seines ausbeuterischen Naturells meist sehr gut darauf versteht, Geld anzuhäufen. Doch der Narziss hat ganz andere Sorgen. Vor allem wenn er feststellt, dass ihn sein Reichtum, seine Macht und sein Ansehen kein bisschen glücklicher machen. Das alles perlt sozusagen an seiner glanzvollen Hülle ab, kommt aber leider nicht im Inneren an. Dort bleibt er leer wie eh und je und verhungert vor dem schillernden Trugbild, das er selbst erschaffen hat.


Karl Lagerfeld & ChoupetteDie Beziehung eines Narzissten zu seinem Co kann man sich am besten so vorstellen wie die eines Herrchens zu seinem jungen Welpen: der hechelt seinem Besitzer schwanzwedelnd hinterher, während dieser das Würstchen an der Angel gerade so hoch hält, dass es das kleine Hündchen immer ganz knapp verfehlen muss. Erreicht es das Lekkerli dann doch einmal, ist das gewissermaßen das Krönchen seiner bedauernswerten Lebensform.

Der Co kann dies aber dennoch beharrlich in güldenem Lichte sehen, so lange ihn sein Narziss gut versorgt. Sowie ihm der Narziss jedoch einen kleinen Tritt in die Seite verpasst (übrigens eine der Lieblingsbeschäftigungen des Narzissten) bricht die Illusion von Glanz und Gloria jedes Mal wieder in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Deswegen ist der Co-Narziss auch die meiste Zeit damit beschäftigt, an seiner heilen, kleinen Wunderwelt zu feilen und zu basteln.

Der alternde Narziss

Der Narziss wird mit zunehmendem Alter immer peinlicher. Das Schöne für ihn selbst ist dabei: Das merken nur die anderen Teilnehmer am wirklichen Leben. Er nicht.

In jungen Jahren ist der Narziss ein gern gesehener Gast auf Partys. Er ist meist gut aussehend und zeichnet sich durch Charme und Wortgewandtheit aus. Wenn er nicht gutaussehend ist, kompensiert er das durch ostentativ zur Schau gestellte Bildung, Status, Leistung, Reichtum oder extreme Lustigkeit. Er steht jedenfalls gerne im Mittelpunkt und ist immer für eine kleine Showeinlage zu haben.

Der Salsa tanzende Narziss zum Beispiel kommt so nebenbei auf sein Hobby zu sprechen, um sich dann nicht lange bitten zu lassen, wenn es darum geht, den anwesenden Damen das Tanzen bei zu bringen. Der oral fixierte Narziss dagegen tut sich durch geschicktes Ausloten der intellektuellen Neigungen des Gegenübers hervor und webt dann aus zarten Spinnfäden einen verbalen Kokon um sein Opfer herum. Der weniger einfühlsame Narziss, und damit ein sehr häufig anzutreffender Vertreter seiner Spezies, ist ein unermüdlicher Witzeerzähler. Die einzige Chance, solche selbst ernannten Spaßvögel dauerhaft im Freundeskreis zu verkraften, besteht in der Gnade der selektiven Vergesslichkeit: Wenn nämlich der Witzeerzähler sein immer gleiches Repertoire mit bestenfalls geringfügigen Variationen abspult, können Sie jedes Mal wieder drüber lachen.

BeziehungNarziss & Co. Liebe und Hiebe

Die Konstellation Narziss & Co findet man häufig bei alten Ehepaaren. Da kann man ja mit der Zeit kaum noch unterscheiden: Wer ist nun eigentlich der Narziss und wer der Co? Aber wie ist es mit zwei dominante Narzissten? Kann das gutgehen? Das wäre ja ungefähr so, als könnte es in unserem Sonnensystem noch eine andere Sonne neben der einen geben. Oder einen zweiten Gott neben dem Allmächtigen. Es würde zwangsläufig zu einem Schisma führen. Oder zu einem Polsprung. Die Folgen wären auf jeden Fall vollkommen unberechenbar und vor allem katastrophal.

Zwei dominante Narzissten - kann das gutgehen?  

Zwei Hardcore-Narzissten in einer Beziehung - das kann natürlich nicht gut gehen. Außer vielleicht in einer außerehelichen und auch das nur vorübergehend, denn einer muss immer
oben sein. Es ist sehr viel wahrscheinlicher, dass eine derartige Verbindung für mindestens einen der Partner tödlich endet. Denkbar wäre diese Konstellation allenfalls dann, wenn sich beide davon einen erheblichen Zugewinn an Prestige und Reichtum versprechen. Außerdem wäre es fraglich, ob die narzisstische Partnerin als Gebärmutter zur Verfügung stehen würde, wie das beispielsweise in Königtümern unabdingbar ist. Vermutlich nur, wenn der Nachwuchs gewinnbringend im Ehevertrag abgehandelt oder ihren Status anderweitig deutlich verbessern würde.

Schmollende Rebellion

Der Co-Narziss könnte ja, wenn er nur wollte. Aber wozu? Außerdem lässt ihn der Narziss ja sowieso nie. Dafür ist der aber dann auch an allem schuld, was schief läuft. Irgendwann werden die anderen das auch verstehen. Und bis dahin begnügt er sich eben damit, dass ihm der Narziss ein paar Funken seines Strahlenglanzes zuteilwerden lässt.

Immerhin ist ja nicht alles ganz schlecht, was der Narziss so treibt. Und weil der Co-Narziss sich immer ein wenig kleiner fühlt, als er eigentlich sein könnte, stellt er oft sein Licht allzu sehr unter den Scheffel. Seine Bescheidenheit macht ihn aber meist für andere meistens recht sympathisch. Er ist ja immerhin kein so großmäuliger Selbstdarsteller wie der Narziss und er fällt auch nicht mit der Tür ins Haus. Er pflegt lieber ein bewusstes Understatement und legt seinen Stolz eher ironisch an den Tag. Außer natürlich, es käme vielleicht irgendwann der richtige Moment dafür. Aber das ist eher theoretisch...

Narziss und Co-NarzissCo-Narziss - Macher oder Masochist?

Vollkommene Verschmelzung

Der Co-Narziss ist der Bewirker im Verborgenen, der Puppenspieler, der die Fäden zieht, der große Manipulator hinter den Kulissen, der den Narziss wie einen Deus-ex-machina glanzvoll auf der Bühne erscheinen lässt.

Das wäre er zumindest gerne. Denn er leidet am Heile-Welt-Syndrom und verklärt daher seinen Narzissten zum Idol. Dieser besitzt alles, was ihm selbst fehlt. Selbst seine allerschlimmsten Fehler (von denen er nach eigener Einschätzung nur allzu viele hat) werden durch den Narzissten zu rühmlichen Vorzügen veredelt. Doch seine kleine Welt wird erst perfekt, wenn er mit seinem Narzissten zu einer vollkommenen Einheit verschmolzen ist. Was im wirklichen Leben allerdings eher selten gelingt.

Die Enttäuschung, die dem Scheitern auf dem Fuße folgt, ist daher ungefähr genauso verheerend wie seine Illusionen bezüglich der ungeheuren Möglichkeiten, die sich aus der Verschmelzung ergeben könnten.

Was aber bewegt nun eigentlich den Co-Narziss? Ist er gar ein Masochist? Warum um alles in der Welt lässt er sich sonst auf einen Narzissten ein? Nun, Sie müssen sich das so vorstellen:

Der Narziss ist die Sonne, um die der Co-Narziss kreist. Alles, was der Co seiner Ikone an Gutem widerfahren lässt, kommt ihm wie durch Zauberhand auch selbst zu Gute. Nehmen Sie zum Beispiel die Anhängsel unserer Ikonen aus der Welt der Promis: Vorher ein Nichts. Währenddessen ein Sternchen. Nachher mit etwas Glück ein Star. Häufig allerdings auch nur ein alterndes Ex-Sternchen.

Nichtexistenz aus Liebe

In der Beziehung mit einem Narzissten begibt sich der Co-Narziss mehr oder weniger schmollend in die untergeordnete Position. Jedenfalls vorläufig. In seltenen Fällen entschließt sich der Co-Narziss zu einem Dasein in Nichtexistenz aus Liebe. Viel häufiger gefällt er sich jedoch in der Rolle des trotzigen Rebellen, der eigentlich immer unterschätzt wird, und tut deswegen gegenüber Dritten auch gerne recht gekränkt und benachteiligt.

Narzisstische BeziehungDer Narziss und das Heile-Welt-Syndrom

Der Narziss muss gefüttert werden. Er braucht seine Ich-Erweiterungen wie die Luft zum Atmen. Im Gegenzug sorgt er dafür, dass es seinem Umfeld gut geht. Schon, damit es ihm selbst gut geht. In diesem Sinne ist er durchaus zu überschwänglicher Fürsorge fähig. Umso mehr, je mehr die Sorge, die er anderen angedeihen lässt, auch seinem eigenen Wohlergehen dient. Selbst nach seinem Tode möchte er noch gut dastehen. Glücklicherweise geht der Trend dabei heute eher weg von Pyramiden und hin zu Hinterlassenschaften, die für die Hinterbliebenen von unmittelbarem, geldwertem Nutzen sind.

Der Narziss und sein Co-Narziss passen schon deswegen so wunderbar zusammen, weil sie sich (beinahe) perfekt ergänzen: der Narziss hungert nach Zuwendung, Anerkennung, Aufmerksamkeit, bedingungsloser Unterordnung und beständiger Bestätigung seines Selbstwerts durch die jeweils gegnerische Partei. Das alles natürlich möglichst harmonisch. Ansonsten fühlt er sich elend, klein und minderwertig. Und wenn der Narziss leidet, ist garantiert der Co daran Schuld.

Auch der Co-Narziss hat es gerne harmonisch. Er hasst Konflikte. Deswegen ordnet er sich erst einmal bedingungslos unter. Er setzt alles daran, dass es seinem Narzissten gut geht. Auch wenn das bedeutet, dass er sich den Bedürfnissen des Narzissten vollkommen ausliefert und auf seine eigenen vollkommen verzichtet.

Schwierig wird es nur, weil es mit der bedingungslosen Unterordnung dann meistens doch nicht so ganz klappt. Weil nämlich der Co-Narziss insgeheim auch nach Zuwendung, Anerkennung, Aufmerksamkeit und beständiger Bestätigung seines Selbstwerts dürstet. Andernfalls fühlt er sich elend, klein und minderwertig. Und wenn der Co-Narziss leidet, ist garantiert der Narziss daran Schuld. Deswegen funktioniert es mit der Harmonie auf Dauer meistens nicht wirklich gut. 

android cyborgDer Narziss und sein Partner

Die jeweiligen Partner an der Seite des Narzissten erscheinen oft eigentümlich beliebig, wahllos und irgendwie austauschbar. Hauptsache aber vorzeigbar. Das liegt daran, dass der Narziss sich sowieso am liebsten selbst heiraten würde, wenn er könnte. Was auch gar nicht so selten vorkommt. Einen Partner braucht er eigentlich nur, weil er gewisse Bedürfnisse hat, zu deren Befriedigung es einer Ich-Erweiterung bedarf, unter anderem weil

  • es gute PR einbringt und
  • er sich gerne selbst reproduzieren möchte.

Die Notwendigkeit der Reproduktion

Nachwuchs ist für den Narzissten deswegen so wichtig, weil es die Zahl seiner potenziellen Ich-Erweiterungen praktisch ohne eigenes Zutun erhöht. Leider ist die Bio-Technologie hier noch nicht fortgeschritten genug, sonst würde sich der Narziss nämlich klonen lassen, um seine Art zu erhalten. Schon deswegen, weil sich da keine minderwertigen Gene einschleichen können.

Noch perfekter wäre allerdings ein Cyborg. Der fasziniert den Narzissten, weil er einfach absolut perfekt ist. Im Grunde fast noch besser als er selbst. Wenn man sich nur vom Fleisch lossagen könnte! Dann wäre man nämlich wirklich autonom. Autonom und unverwundbar. Weil die Verletzlichkeit neutralisiert wäre. So ein Cyborg ist vollkommen auf seine Funktionen reduziert. Alles an ihm kann repariert werden. Ein Cyborg ist stark und effizient. Um so viel leistungsfähiger als menschliche Wesen. In jeder Hinsicht ökonomisch optimiert und somit das absolut maximal erstrebenswerte Ideal des Narzissten.

Das Bedürfnis, sich biologisch zu reproduzieren, ist ja im Grunde heute überholt. Es stammt eben noch aus jenen uralten Zeiten, als das Leben kurz und tödlich war. Deswegen benötigte man damals mehrere backups von sich selbst, um sich bei jedem Absturz wieder neu im wirklichen Leben zu installieren.

Olimpia Menschlicher AutomatDer ideale Co-Narziss

Der Co-Narziss ist ja in der Regel weitaus umgänglicher und entgegenkommender als der Narziss. Aber ein Narziss ist ein Narziss ist ein Narziss.

Nur weil jemand von Natur aus zur Unterwerfung neigt, gerne leidet und sich klaglos in widrige Umstände fügt, macht ihn das nicht automatisch zu einem besseren Menschen. Er tut es ja vielleicht nur, weil es ihn einfacher und bequemer erscheint (zumindest auf den ersten Blick). Das Gute kommt, genau wie das Böse, in Reinform eher selten vor. Außer vielleicht bei Psychopathen und Engeln. Ansonsten gilt hier wie eigentlich fast immer im wirklichen Leben die alte Regel: Die Dosis mach das Gift.

Der ideale Co für den Narzissten ergänzt ihn perfekt und repräsentiert jeweils das, was er am Dringendsten benötigt. Seine tragende Rolle ist es, als schmuckes Beiwerk neben dem Narziss zu glänzen, ihm den Popo hinterher zu tragen und sich durch Servilität bis hin zur Nichtexistenz hervorzutun. Daran scheitern die meisten Promi-Ehen. Wenn nämlich das Beiwerk plötzlich selbst ins Rampenlicht drängt und deswegen seine Pflichten gegenüber dem Narziss vernachlässigt.

Olimpia - die perfekte Co-Narzisstin

Die perfekte Lösung wäre ohnehin ein individuell programmierbarer Android. So wie in der schönen Geschichte von E.T.A. Hoffmann. Sie spielt zu jener Zeit, als Frauen noch systematisch zu Co-Narzissten herangezüchtet wurden (das war bis ungefähr Mitte des 20. Jh. der Fall):

Nathanael besucht die schöne Olimpia und plaudert mit ihr. Er weiß es sehr zu schätzen, dass sie so gut zuhören kann. Er redet. Sie nickt immer wieder sehr freundlich und ermunternd. Er fühlt sich endlich verstanden und geliebt. Nathanael hält um ihre Hand an. Olimpias Papa ist sehr angetan von der Verbindung. Aber dann, beim Tanzen, geht der Automat kaputt. Nathanael verfällt daraufhin dem Wahnsinn. Die Anwesenden bedauern den Ärmsten sehr. Sie fordern, man müsse den Bau solcher Puppen verbieten. Weil sie so lebensecht sei, dass man das nicht merkt. Das ist doch Betrug! Oder?

Affen-SelfieNarzisstische Beziehungsformen

Die Monogamie ist es nicht. Das liegt daran, dass die Monogamie erst in einer ziemlich späten Phase der Evolution dran war und sich bis heute eigentlich nur bei Männchen mit niedrigem Sozialstatus wirklich durchgesetzt hat. Aber eben noch nicht bei den Alpha-Männchen. Oder solchen, die sich dafür halten.

Sollte der Narziss dennoch ausnahmsweise über einen längeren Zeitraum hinweg jemandem die Treue halten, dann nur mangels alternativer Gelegenheiten. Oder aufgrund der Androhung gravierender Sanktionen. Vor allem solcher, die seinem Image schaden könnten.

Apropos Sozialstatus: Der Narziss sucht sich gerne Partner, die ihm Hinblick auf Intelligenz, Bildung und soziale Herkunft unterlegen sind. Dafür gibt es einen einfachen Grund: Sie sind besser zu kontrollieren und leichter zu manipulieren. Das hat Vorteile. Für beide.

Serielle Symbiose

Irgendwann ist normalerweise einfach Schluss mit der fortwährenden Überhöhung des Partners aus blinder Verliebtheit. Schuld daran ist natürlich der Co-Narziss. Er dreht den Hahn zu. Möglicherweise deswegen, weil ihm endlich dämmert, dass der Fluss immer nur bergauf fließt. Deswegen ist das Beziehungs-Modell, das beim Narzissten wohl am häufigsten anzutreffen ist, die serielle Monogamie. Im fortgeschrittenen Lebensalter nimmt jedoch die Wahrscheinlichkeit einer seriellen Bigamie zu.

Der Narziss hat, zumindest bis zu einem bestimmten Lebensabschnitt, meist keine wirklich lange dauernden, sondern eher mehrere kürzere, aufeinanderfolgende, aber monogame Beziehungen, nahtlos oder mit Single-Phasen dazwischen. Und danach meist einen festen Partner. Und, wenn er attraktiv und stressresistent genug ist, mehrere aufeinanderfolgende monogame Beziehungen daneben.

Wie auch immer. Jede Beziehung ist ohnehin nur ein verzweifelter Versuch, die Kollateralschäden seiner missglückten Kindheit zu reparieren und die anderen Teilnehmer am wirklichen Leben bleiben ihm sowieso auf ewig ein Rätsel, dessen Lösung er zeitlebens sucht.

LebkuchenpaarDer Narziss - eine Lebensaufgabe

Ein optimal funktionierender Co wäre im Grunde für den Narziss die ideale Ergänzung im Hinblick auf die eigene Bedürfnisbefriedigung. Wenn er nur endlich lernen würde, alle Wünsche von seinen Augen abzulesen und keine Widerworte zu geben. Aber genau das ist halt auch das Problem des Co. Ansonsten wäre die Verbindung wirklich perfekt.

Der Co ist für gewöhnlich eine treue Seele und findet im Narzissten seine Lebensaufgabe. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn er gibt sein eigenes Leben auf und übernimmt dafür eine Aufgabe, die ihn sein ganzes restliches Leben ausfüllen wird. Doch die Hingabe des Co wird belohnt: der Narziss verleiht ihm dafür jene Bedeutung, die der Co bis dahin nie besaß. Als Teilchen im Ego-Puzzle des Narzissten.

Das kommt dem Co wiederum sehr entgegen. Daher wäre es schlicht überzogen, den Narziss einfach nur als Parasiten zu bezeichnen. Obwohl er unbenommen ziemlich eigennützig ist. Denn für einen willigen und gefügigen Partner bringt die Beziehung zu einem Narziss durchaus gewisse Vorteile mit sich. Man könnte auch sagen: Da haben sich einfach zwei gesucht und gefunden. Das kann sogar manchmal gut gehen und ist - nun ja - vielleicht auch so eine Art von Liebe?

Treue wird überbewertet

Beziehungen mit einem Narziss sind jedenfalls eine ziemlich relative Angelegenheit. Beständiges Glück entspricht ja nun so gar nicht seinem Naturell. Dazu ist es einfach zu unspektakulär. Außerdem ist der Narziss von Natur aus eine treulose Tomate. Auch wenn er im Taumel der ersten Verliebtheit gerne das Gegenteil beteuert (und vermutlich sogar selbst für einen kleinen Augenblick daran glaubt).

Es geht ihm dabei keinesfalls nur um Sex oder ähnlich banale Dinge. Aber er leidet nun einmal wirklich darunter, wenn sein Lebenselixier versiegt und der beständig plätschernde Quell von Bewunderung, Anerkennung und Idealisierung nicht mehr üppig sprudelt sondern nur noch zaghaft tröpfelt. Und das passiert merkwürdigerweise immer spätestens dann, wenn der Alltag einkehrt und das wirkliche Leben seinen Tribut fordert. Deswegen gehört das wirkliche Leben für den Narziss auch nicht zu den wirklich erstrebenswerten Dingen.

Frosch im SpiegelDer Narziss und die Liebe

Der Co liebt den Narzissten meistens sehr. Zu sehr. Dafür bekommt er im Gegenzug vom Narzissten Liebe. Na ja, sagen wir mal: So etwas ähnliches wie Liebe. Aber nur, wenn ihm der Co fortwährend bestätigt, dass er tatsächlich so ist, wie er gern sein möchte. Die Tatsache, dass er niemals so sein wird, bekümmert ihn dabei wenig. Der Partner allerdings sollte sich tunlichst von all seinen Selbstverwirklichungs-Projekten verabschieden. Er ist nämlich von Stund‘ an auch nicht mehr einfach nur der, der er nun einmal ist. Falls er denn jemals irgendetwas gewesen ist.

Bedingungslose Liebe

Der Narziss ist auf der Suche nach der bedingungslosen Liebe. Will heißen: Der Liebe eines Menschen, der seine Bedürfnisse bedingungslos befriedigt. Deswegen lebt er für gewöhnlich in Symbiosen. Entweder mit

  • sich selbst und seinem Spiegel oder
  • einem Co, in dem er sich fortwährend spiegelt.

Nun könnte man meinen, die erste Variante sei seltener anzutreffen, da der Co naturgemäß schon deswegen nicht perfekt sein kann, weil der Narziss ja selber immer und in allem der Beste ist. Doch dies ist nicht der Fall. Der Narziss ist nämlich durchaus lernfähig, wenn es für sein Image nützlich ist. Insofern kann so ein Co an der Seite des Narzissten ein nützliches Instrument im gesamtgesellschaftlichen Kontext sein.

Auch die Ehe ist doch letztlich nichts anderes als ein Statussymbol. Der Narziss verleiht sich damit den letzten Feinschliff an Normalität und Seriosität. Außerdem hat er schließlich neben seiner einzigartigen Mission in dieser Welt auch noch ein paar Bedürfnisse. Und diese machen eben mitunter persönliche Beziehungen zu anderen Menschen erforderlich. Ein Ehegatte ist nun einmal unter dem Strich und auf lange Sicht gesehen, auch unter den pragmatischen Kriterien der Kosten-Nutzen-Rechnung, die beste aller real existierenden Lösungen.

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